• vom 11.08.2018, 16:00 Uhr

International

Update: 14.08.2018, 18:51 Uhr

Indien

"Der Homo oeconomicus ist ein Macho"




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (23)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Anja Stegmaier

  • Es sind überwiegend Frauen, die weltweit unbezahlte Arbeit leisten, sagt die indische Ökonomin Jayati Ghosh.

Karfiolernte in Kalkutta: Mühsame Handarbeit erledigen in Indien überwiegend Frauen. - © reuters

Karfiolernte in Kalkutta: Mühsame Handarbeit erledigen in Indien überwiegend Frauen. © reuters



Straßenbau in Indien: Werden Arbeitsprozesse mechanisiert, übernehmen Männer den Job.

Straßenbau in Indien: Werden Arbeitsprozesse mechanisiert, übernehmen Männer den Job.© reuters Straßenbau in Indien: Werden Arbeitsprozesse mechanisiert, übernehmen Männer den Job.© reuters

Neueste Wirtschaftsdaten aus Indien irritieren: Trotz einer Wachstumsrate von mehr als sieben Prozent ist die Beschäftigungsrate indischer Frauen niedriger als die jeder vergleichbaren Volkswirtschaft - auch der Saudi-Arabiens. Und sie fällt weiter. Paradox ist: Je höher die Schulbildung der Frauen, desto weniger gehen sie arbeiten - Akademikerinnen ausgenommen.

Um diesen Umstand einordnen zu können, bedarf es der Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen. Wer das indische Wirtschaftswachstum verstehen möchte, müsse wissen, wie Geschlechterdifferenzen unsere Gesellschaft und damit auch unser Wirtschaftssystem formen, sagt die indische Ökonomin Jayati Ghosh im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung":Ist der Homo oeconomicus ein Mann?

Jayati Ghosh: Der Homo oeconomicus ist der größte Schwindel, den uns die Aufklärung eingebrockt hat.

Er ist aber immer noch präsent . . .

Das ist das Problem: Er ist immer noch in den Lehrbüchern und in der Politik. Aber er ist ein Mythos. Ein Mensch dieser Art existiert nicht. Zum einen, weil er immer als Mann dargestellt wird - es sei denn, es geht um Konsumenten, dann existieren Frauen manchmal. Die Rationalität des Homo oeconomicus ist außerdem total macho und individualistisch. Es dreht sich alles um ihn, er ist gierig und agiert nur aus Selbstinteresse. Aber das, aus was die Gesellschaft besteht, warum es sie überhaupt gibt, ist Solidarität, Fürsorge und Pflege. Keiner dieser Faktoren kommt im Kalkül des Homo oeconomicus vor. Auch die Wirtschaft würde ohne diese Faktoren nicht existieren. Das Handeln im Interesse anderer bestimmt überwiegend das menschliche Verhalten.

Fürsorge kommt im Bruttoinlandsprodukt nicht vor . . .

Das BIP ist das Sahnehäubchen, dass auf dem riesigen Kuchen unbezahlte Arbeit ruht. Eine unglaublich große unbezahlte Wirtschaft subventioniert die formale bezahlte Wirtschaft. Weltweit erledigen 70 Prozent dieser unbezahlten Arbeit Frauen. Die bezahlte Wirtschaft mit ihrem Kapital wird überwiegend von Männern kontrolliert, die sich ständig selbst einreden, dass das alles nur aufgrund der Maßstäbe, die der Homo oeconomicus setzt, möglich ist.

Was bedeutet das im Falle Indiens?

Die niedrige Beschäftigungsrate der Frauen in Indien ist ein Spiegelbild ihres allgemein niedrigen Stellenwertes in der Gesellschaft. Würde man die Arbeit in Haushalt und Familie berücksichtigen, läge die Rate bei 90 Prozent. Es sind eben nur 24 Prozent offiziell in der Erwerbsarbeit tätig. Die ebenfalls Haushalt, Garten, Tiere, Kinder, Alte und Kranke versorgen. Vor allem das Besorgen von Wasser und Brennholz nimmt in Stadt wie Land besonders viel Zeit in Anspruch. Viele Frauen, die gerne auswärts arbeiten würden, können dies schlicht nicht, weil unbezahlte Arbeit auf ihnen lastet. Die Politik ignoriert das und kümmert sich nicht um die Bereitstellung einer leistbaren Grundversorgung. Hinzu kommen mangelnde Mobilität, Angst um die körperliche Versehrtheit und generell patriarchale Normen, die verhindern, dass Frauen Arbeiten gehen.




weiterlesen auf Seite 2 von 3




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-10 18:23:37
Letzte Änderung am 2018-08-14 18:51:38


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ausverkauf bei den Kryptowährungen
  2. "Wir haben keinen Planeten B"
  3. EU will bei US-Autozöllen zurückschlagen
  4. Wenn das Taxi ohne Lenker kommt
  5. Patientenanwälte warnen vor "unreflektierter" Kassenreform
Meistkommentiert
  1. Welches Lohnplus gerechtfertigt ist
  2. Blutige Geschäfte
  3. Gewerkschaft erhöht Gangart
  4. China öffnet eine Insel
  5. Made in India

Werbung



Quiz


Firmenmonitor







Werbung