"Was wir beobachten, ist das Wegbrechen des traditionellen Arbeitsmodells, bei dem man einen Job bei einem Arbeitgeber für das gesamte Leben hat", sagt Prassl. Menschen arbeiten in kurzfristigeren und sozial wenig bis gar nicht abgesicherten Arbeitsverhältnissen und haben immer öfter mehrere Arbeitgeber gleichzeitig. Aber das sei nicht neu, sondern eine jahrzehntelange Entwicklung. Dennoch sei es wichtig, sich damit zu beschäftigen. "Die Lehren, die wir daraus ziehen und die sozialen Standards, die wir dafür festlegen, zählen für den gesamten Arbeitsmarkt, nicht nur für die Gig Economy."

Wer einen Blick in die Studie "Global Human Capital Trends" aus dem Jahr 2016 wirft, in der 7000 Führungskräfte in 130 Ländern weltweit befragt wurden, sieht, dass "klassische" Unternehmen auf die entgrenzte Arbeitskultur setzen. Demnach planen 42 Prozent der Befragten, in den nächsten drei bis fünf Jahren mehr mit freien Mitarbeitern zu arbeiten. Ebenso viele bereiten ihre Firmen auf den Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz vor, weshalb ihre Mitarbeiter darauf spezialisierte Fertigkeiten brauchen werden.

Laut der Studie spielen die geringen Kosten für Freischaffende eine entscheidende Rolle, aber auch der stetig wachsende Talentepool der meist besser gebildeten Kurzarbeiter. Gefragt sind vor allem Datenspezialisten, die projektweise engagiert werden können. Vor allem aber sind die Unternehmer unsicher, weil sie nicht wissen, was die digitale Zukunft mit sich bringt. Die Gig-Kultur dient als Übergangslösung, die man jederzeit abstoßen kann, weniger als handfestes Firmenkonzept.

Wie aber steht um es um die Verbreitung der Gig Economy an sich? In den USA geht die US-Nachrichtenagentur Bloomberg davon aus, dass sie nicht wächst. Im Gegenteil: Laut einem Bericht der US-Behörde für Arbeitsstatistiken sind heute weniger Menschen in alternativen Arbeitsformen beschäftigt als im Vorkrisenjahr 2005. Prassl glaubt, dass das Geschäftsmodell als Vermittler weiterwachsen wird. Das Potenzial für Taxi- und Lieferplattformen werde zwar relativ bald erschöpft sein, sagt er. "Aber es gibt eine Reihe anderer Arbeitssparten, wie die Pflege, die dadurch neu aufgerollt werden."

Eine sinnvolle Marktkorrektur

Gleichzeitig stellt sich immer häufiger die Frage, ob Firmen wie Uber nur neutrale Vermittler zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sind - oder ob sie weitere Verantwortungen haben, etwa für die Freischaffenden oder für die Kunden und Auftraggeber.

Inzwischen werden solche Plattformen zunehmend mit Regulierungen konfrontiert. Solche Sicherungs- und Schutzmechanismen können unter Umständen das Wachstum der Plattformen bremsen und in manchen Fällen zu Preiserhöhungen für die Konsumenten führen, sagt Prassl. Das habe aber Vorteile für Arbeiter und Konsument, weil sie geschützter sind und mehr Lohn bezahlt werden müsste - aber auch für den Markt selbst. "Ein stärkeres Arbeitsrecht führt dazu, dass diese Unternehmen von Investoren reeller eingeschätzt werden, im Sinne einer Marktkorrektur", sagt Prassl.

Dass die Gig Economy dem Rechtsstaat wegen ihrer teils oligopolartigen Marktmacht auf lange Sicht die Regeln diktieren wird, glaubt Prassl nicht. Die Anbieter seien nicht unverwundbar. "Diese Firmen sind keine Bank, die über eine systemkritische Infrastruktur verfügt", sagt Prassl. "Im Zentrum steht die Technologie, die existierende Geschäftsmodelle effizienter macht." Es könne jeder eine ähnliche Plattform aufbauen und sollte eine bankrottgehen, gebe es 15 Unternehmer, die etwas Besseres anbieten können. Die Gig Economy sei too big to fail.