• vom 30.08.2018, 17:30 Uhr

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Update: 31.08.2018, 08:58 Uhr

Pflege

Aufopferung im Namen der Berufung




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Von Anja Stegmaier

  • Die Ökonomin Perrons räumt mit dem Mythos der freiwilligen Selbstausbeutung im Pflegesektor auf.

 Nur eine schlecht bezahlte Krankenschwester ist eine gute Krankenschwester": So wurde die Ökonomie der Pflege einst zusammengefasst. Doch das war einmal. - © APAweb,HELMUT FOHRINGER

 Nur eine schlecht bezahlte Krankenschwester ist eine gute Krankenschwester": So wurde die Ökonomie der Pflege einst zusammengefasst. Doch das war einmal. © APAweb,HELMUT FOHRINGER



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"Wiener Zeitung": In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen. Alten-, Kinder- und Krankenpflege gehen uns alle an, werden aber oft schlecht bezahlt oder gar nicht entlohnt . . .

Diane Perrons: Der Gesundheitsökonom Anthony Heyes hat die These aufgestellt: ,Nur eine schlecht bezahlte Krankenschwester, ist eine gute Krankenschwester.‘ In seiner Studie ,Die Ökonomie der Berufung’ argumentiert er, dass das fürsorgliche Element in der Pflege wichtig ist. Menschen, deren Berufung es ist, zu pflegen, üben fachliche Aufgaben immer mit Empathie aus. Das bedeutet, dass solche Menschen ein geringeres Einkommen akzeptieren, weil sie die Arbeit erfüllt. Würde man die Gehälter erhöhen, ziehe man Leute an, die diese Berufung nicht hätten und die Qualität der Pflege würde sinken.

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Und was ist mit Mechanikern, die es lieben, mit Autos zu arbeiten?

Viele Menschen befriedigt ihre Arbeit und üben sie mit Sorgfalt aus. Keiner käme darauf, Ingenieuren möglichst wenig zu zahlen, weil sie leidenschaftlich gerne Brücken bauen.

Warum wird gerade Pflegearbeit so schlecht bezahlt?

Weil es einer der Sektoren ist, in dem die Kosten stetig steigen, weil Pflege so arbeitsintensiv ist. Um Profit zu generieren gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann die Dienstleistung für eine Elite anbieten, die es sich leisten kann, hohe Preise zu zahlen. Etwa wie bei klassischer Musik. Die ist auch sehr arbeitsintensiv und überlebt, weil sie eine Elite anspricht, Sponsoren lukriert und der Staat sie subventioniert. Die andere Möglichkeit für ein profitables Geschäft ist, die Lohnkosten möglichst gering zu halten. Damit zieht man dann aber vor allem Menschen an, die sonst keinen anderen Job finden. Pflege ist manchmal ein Rettungsanker. In die Pflege zu gehen ist manchmal eine Art Pass in ein Land. In Kanada etwa bekommt ein Kindermädchen sofort ein Arbeitsvisum. Viele wenden sich dann bei der ersten Gelegenheit von der Branche ab. Es gibt aber auch jene, die bleiben, obwohl sie woanders mehr verdienen könnten.



Warum tun diese Menschen das?

Oft haben sie eine Beziehung zu den Menschen aufgebaut und fühlen sich verantwortlich. Ich habe Pflegerinnen in Großbritannien interviewt und gefragt, warum sie in der Pflege bleiben, wenn sie im Supermarkt mehr verdienen könnten. Sie sagten, sie könnten die Leute doch nicht alleine lassen.

Pflegenotstand, Altersarmut, Überlastung. Könnten wir mehr für die Pflege bezahlen?

Ja. Der Ökonom William Baumol hat gesagt, dass persönliche Dienstleistungen technologisch nicht fortschrittlich sind und daher ohne Unterstützung pleite gehen. Die sogenannte Kostenkrankheit betrifft Pflege, Bildung und Gesundheit. Wenn die Produktivität in anderen Bereichen der Wirtschaft zunimmt, erhalten die Arbeiter üblicherweise eine Lohnerhöhung. Langsam steigt das durchschnittliche Lohnniveau. Nur in der Pflege kommt es nicht zu Produktivitätssteigerungen. Trotzdem müssen die Löhne angehoben werden, weil es eine Untergrenze gibt, die man nicht unterschreiten kann. Man kann auch nicht an Personal sparen, ohne dass es einen erheblichen Qualitätsverlust gäbe. Nichtsdestotrotz gibt es insgesamt mehr Wertschöpfung in der Gesellschaft, und ein Teil dieses Ertrages könnte man nutzen, um Pflege zu finanzieren - wenn die Steuern anders organisiert würden.

Diane Perrons ist emeritierte Professorin für feministische Ökonomie an der London School of Economics. Beim Europäischen Forum in Alpbach leitete sie das Seminar "Genderdynamiken in sich wandelnden Gesellschaften".

Diane Perrons ist emeritierte Professorin für feministische Ökonomie an der London School of Economics. Beim Europäischen Forum in Alpbach leitete sie das Seminar "Genderdynamiken in sich wandelnden Gesellschaften".© Andrei Pungovschi Diane Perrons ist emeritierte Professorin für feministische Ökonomie an der London School of Economics. Beim Europäischen Forum in Alpbach leitete sie das Seminar "Genderdynamiken in sich wandelnden Gesellschaften".© Andrei Pungovschi




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Dokument erstellt am 2018-08-30 17:42:01
Letzte Änderung am 2018-08-31 08:58:23


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