• vom 01.09.2018, 10:00 Uhr

International


Arktis

Abkürzung mit Hindernissen




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Von Gerhard Lechner

  • Der rasante Klimawandel macht’s möglich: Die weltgrößte Container-Reederei Maersk schickt erstmals eines ihrer Schiffe durch die arktische Nordost-Passage.



Kopenhagen. Über Jahrhunderte war die Arktis ein Ehrfurcht gebietender Ort. Die klirrende Kälte, die brausenden Schneestürme, der zugefrorene Ozean mit seinem Packeis: Der Gedanke an Schifffahrt in arktischen Gewässern verbot sich lange, ehe sich der Mensch mit teils atomgetriebenen Eisbrechern kraftvoll und rücksichtslos auch im Polarkreis Bahn brach. Von kommerzieller Schifffahrt konnte aber weiterhin keine Rede sein.

Doch die Lage hat sich geändert. Die Arktis gleicht heute, wie Wissenschaftler in einem anschaulichen Vergleich sagten, einem offenen Kühlschrank. Seit der Jahrtausendwende schmilzt das Eis im Rekordtempo dahin. Der weltweite Klimawandel wirkt sich im hohen Norden besonders stark aus. Im vergangenen Jahrhundert ist die durchschnittliche Lufttemperatur um fünf Grad gestiegen. Ab 2050 könnte die Arktis in den Sommermonaten eisfrei sein. Was Tieren wie etwa den Eisbären den Lebensraum wegnimmt und die Bedingungen für Pflanzen radikal ändert, freut die Transportwirtschaft.

Der Traum vom kommerziellen Schiffsverkehr durch arktische Gewässer rückt näher - sowohl auf der Nordwest-Passage, die Atlantik und Pazifik über Kanadas Norden und Alaska verbindet, als auch auf der Nordost-Passage, die durch russische Gewässer führt.

Im August 2008 waren beide Routen erstmals gleichzeitig eisfrei. 2009 durchquerte die ehemalige Bremer Reederei Beluga als erste Frachtreederei die Nordost-Passage. Und 2013 passierte mit der chinesischen "Yong Sheng" das erste Containerschiff diese Route - und brauchte zwei Wochen weniger als über die herkömmliche Route über Singapur. Zeit ist in der Welt der Frächter und der Logistik Geld.

Beringstraße am Wochenende

Kein Wunder also, dass nun auch die weltgrößte Container-Reederei, der dänische Konzern Maersk, ein Containerschiff durch die Nordost-Passage schickt. Die "Venta Maersk", die am 23. August im ostrussischen Wladiwostok ablegte, Zwischenstation in Busan, Südkorea machte, und nun, mit russischem Fisch und koreanischer Elektronik beladen, dieses Wochenende die Beringstraße passieren wird. Das nächste Ziel: Bremerhaven, Deutschland, Ende September. Russland hofft bereits darauf, dass die Strecke zu einer Art zweitem Suez-Kanal werden könnte - der nicht nur deshalb attraktiv wäre, weil die Nordost-Passage kürzer ist, sondern auch, weil es keine Gefahr durch Piraterie gibt.


© reuters/Maltsev © reuters/Maltsev

Doch noch sind der kommerziellen Schifffahrt durch die Nordost-Passage Grenzen gesetzt. "In der Arktis ist die Genauigkeit der Wettervorhersagen, die für die Schifffahrt wichtig sind, weniger verlässlich als anderswo. Man kann nur ein, zwei Tage nach vorne sehen", sagt Thomas Krumpen, Meereis-Physiker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Das liege am mangelnden Beobachtungsnetz im hohen Norden, meint er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die kommerzielle Schifffahrt braucht Verlässlichkeit. Gerade bei einem Containerschiff. Bei Termingeschäften braucht man eine Planbarkeit, und die ist in der Arktis derzeit nicht gegeben", sagt der Physiker.

Und selbst wenn: Die Containerschifffahrt lebt auch von den Umschlagplätzen an der Route. Immer wieder werden Häfen angefahren, die Schiffe mit Containern be- und entladen. "Dafür gibt es an der Nordost-Passage keine Abnehmer. Auch langfristig werden dort wohl keine Handelsmetropolen entstehen", sagt Krumpen. In der Tat hat auch Maersk selbst gegenüber der "Financial Times" eingeräumt, dass der Konzern die Nordost-Passage derzeit nicht als eine Alternative zum Suez-Kanal, die sich rechnen könnte, ansieht. Immer noch ist die Fahrt sehr kostspielig, auch weil hohe Gebühren, die Russland für die Benutzung der Passage verlangt, anfallen - und der ebenfalls teure Einsatz russischer Eisbrecher vorgeschrieben ist.

Doch das dürfte sich bei dem Tempo der Klimaveränderung ändern. Wann die gesamte Arktis dauerhaft eisfrei ist, ist für die Forscher freilich noch nicht klar.

Unklare Vorhersagen

"Man versucht das mit Klimamodellen zu bestimmen, die aber nicht wirklich genau sind. Je nach Emissionsszenario wäre die Arktis irgendwann zwischen 2030 und 2070 eisfrei und damit befahrbar - wenn auch Eisberge weiterhin ein Problem für die Schifffahrt darstellen", sagt Krumpen. Wann es soweit sein wird, ist zwar unklar, aber dass es dazu kommt, das scheint für die Mehrzahl der Forscher gewiss.

Information

Hier können Sie die Venta Maersk lokalisieren.

Bei Schiffen, die nicht umladen müssen, die etwa Erze von Norwegen nach China bringen, lohnt sich die Fahrt durch die Nordost-Passage heute schon. Auch Gastanker, die zu den sibirischen Gasfeldern fahren, nutzen die Route - noch mit eisbrechenden Tankern. Aber auch Kreuzfahrt- und Fischerschiffe biegen immer öfter in die Nordost-Passage ein. Wie sehr das das sensible Ökosystem belastet, ist laut Krumpen derzeit nur schwer abschätzbar.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 17:23:56
Letzte Änderung am 2018-08-31 19:03:36


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