Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat sich bereits im Juni dieses Jahres in einer Studie mit den Chancen und Risiken des Seidenstraßenprojekts für Ost-/Mitteleuropa auseinandergesetzt. Studienautorin Julia Grübler wies in ihrer Studienpräsentation ebenfalls auf die Gefahr einer hohen Staatsverschuldung durch die Finanzierung der Projekte hin. Einige Experten würden zudem davor warnen, dass intransparente Vergabeprozesse der Seidenstraßen-Projekte das in der Region verbreitete Korruptionsproblem weiter anfachen könnten. Dass die beteiligten Länder in eine stärkere politische Abhängigkeit kommen könnten, sei ein weiteres Risiko. Auf der Plus-Seite verzeichnet Grübler steigende Einkommen, eine Reduzierung der Transportkosten und eine Verkürzung der Transportzeiten, eine mögliche Diversifizierung der Exporte und Importe der beteiligten Volkswirtschaften sowie eine Stärkung er inter- und intraregionalen Kooperation der beteiligten Länder.

Die Autorinnen und Autoren der WIIW-Studie haben auch versucht, die möglichen Effekte der chinesischen Infrastrukturprojekte auf die Volkswirtschaften des Westbalkans zu berechnen, und kommen dabei zu folgendem Schluss: Am spürbarsten wären nach dem Modell des WIIW die Effekte für Montenegro und Bosnien-Herzegowina (10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), Serbien (7 Prozent) und etwas über 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Mazedonien. Der Impact für die baltischen Republiken liegt nach den WIIW-Modellen bei nahe null (0,02 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und bei etwas mehr als einem Prozent für Ungarn.

Die sieben
Chancen für Österreich

Für Österreich sieht Grübler Chancen in sieben Politik-Bereichen: etwa im Ausbau der Breitspurstrecke Koice-Wien und der Schaffung eines Logistik-Knotens Bratislava-Wien. Große Potenziale vermutet das WIIW auch in einer Vertiefung der Tourismus-Zusammenarbeit: Einerseits würden weitere Vereinfachungen der Visabestimmungen den Tourismus beflügeln, genauso wie eine Erhöhung der Flugfrequenz bei Flügen zwischen China und Österreich. Eine für den Personenverkehr interessante transeurasische Eisenbahnstrecke würde wiederum dem Langstrecken-Bahntourismus neue Impulse geben. Ein neuer Anlauf für ein Handelsabkommen würde laut WIIW den Warenverkehr beflügeln. Auf der Industrie-Seite würden die Chancen für Österreich in der Schaffung eines chinesisch-österreichischen E-Automotiv-Hubs liegen. Hier könnten sich in Zukunft vor allem bei der Produktion von Elektro-Fahrzeugen Kooperationsmöglichkeiten zwischen chinesischen und österreichischen Unternehmen ergeben. In der Zusammenarbeit beim Ausbau der nächsten Generation des superschnellen mobilen Internets (5G), dem Nachfolger des derzeit verwendeten 4G-Systems Long-Term-Evolution LTE, stecken laut WIIW ebenfalls Potenziale.

Eine engere Bankenzusammenarbeit sei laut WIIW für die weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Österreich ebenfalls wünschenswert. Österreichische Banken sind seit Jahrzehnten in China aktiv (vor allem Raiffeisen und Bank Austria), Bank of China, die drittgrößte Bank Chinas, ist seit Dezember 2015 in Wien tätig. Die chinesische Großbank ICBC Industrial and Commercial Bank of China Limited hat Ende August eine Banklizenz von der EZB bekommen und wird in Kürze eine Zweigstelle in Wien eröffnen.

Das WIIW regt zudem die Schaffung einer chinesisch-österreichischen Investitionsbank für den Westbalkan an, die sich auf die Finanzierung von Transportinfrastruktur-Projekten spezialisieren könnte. Der Investitionsbedarf am Westbalkan in Sachen Straßen- und Eisenbahnverbindungen - das geht aus den Daten der WIIW-Studie deutlich hervor - ist nach wie vor gewaltig.