• vom 08.09.2018, 08:00 Uhr

International

Update: 10.09.2018, 19:23 Uhr

Lehman-Pleite

Ein Lernprozess mit Rückfallrisiko




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Allerdings ist das System in den vergangenen zehn Jahren deutlich krisenfester geworden. So ist die Kernkapitalquote der Banken infolge des 2010 von den weltweit wichtigsten Regulierern beschlossenen "Basel III"-Pakets deutlich angestiegen. In den 28 EU-Ländern lag sie laut der Europäischen Bankenaufsicht EBA Mitte 2017 bei durchschnittlich 14 Prozent - eine Quote, die Banker vor der Finanzkrise für undenkbar gehalten hätten. Die Deutsche Bank, die in der Krise Kapitalspritzen von fast 30 Milliarden verbraucht hat, arbeitete vor dem großen Crash zeitweise mit drei Prozent hartem Kernkapital. "Mit den durch regulatorischen Maßnahmen nach oben gezogenen Minimaleigenkapitalquoten haben wir heute natürlich einen wesentlich größeren Risikopuffer als früher", sagt Stefan Pichler, Vize-Rektor und Professor für Banking and Finance an der Wirtschaftsuniversität Wien, gegenüber der "Wiener Zeitung".

Wesentlich zur Resilienz des Bankensystems beigetragen hat nach Pichlers Ansicht aber auch, dass es für den Markt heute wesentlich glaubhafter ist, dass Banken auch tatsächlich insolvent werden können. Denn in Europa wurden im Rahmen der 2012 gestarteten Bankenunion nicht nur eine gemeinsame Aufsicht der 125 größten Geldhäuser unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) etabliert, sondern auch ein gemeinsamer Abwicklungsfonds. Mit diesem soll sichergestellt werden, dass in Krisenfällen auch größere Institute abgewickelt werden können, ohne den Steuerzahlern Milliardenlasten aufzubürden.

Die Politik als größtes Risiko
Bis die Banken allerdings wirklich nicht mehr "too big to fail" sind, also zu groß, um scheitern zu dürfen, wird es wohl aber noch dauern. Denn bis die Geldtöpfe voll sind, in die Europas Banken für den Notfall einzahlen, werden noch viele Jahre vergehen. Dazu ist die Verflechtung zwischen Staaten und ihren Banken immer noch zu eng und nationale Interessen verhindern häufig, dass die Krisenmechanismen in der Praxis funktionieren und marode Banken tatsächlich vom Markt verschwinden. "Wenn jetzt die Deutsche Bank oder die Unicredit in Schieflage gerät, wird man wohl nicht ausschließen können, dass es doch zu einer staatlichen Intervention kommt", sagt Pichler. In den USA, wo in der Krise nicht lebensfähige Banken konsequent abgewickelt wurden, beginnt man zudem schon die Regulierungen zurückzuschrauben. So hat Präsident Donald Trump bereits im Mai ein Gesetz unterzeichnet, das wesentliche Bestimmungen des 2010 erlassenen Dodd-Frank-Act wieder rückgängig macht. Als systemkritisch gelten seither nur noch Banken mit einer Bilanzsumme von mehr als 250 Milliarden Dollar. Institute, die darunter liegen, dürfen damit wieder im begrenzten Maß Eigenhandel betreiben und müssen sich bei der Kreditvergabe nicht mehr an so strenge Auflagen halten. Auch der jährliche Stresstest bleibt ihnen erspart.

Dass die nächste Krise kommt, gilt freilich als sicher. Anders als in den Jahren 2007 und 2008 lauern die größten Risiken nach Ansicht der meisten Ökonomen und Bankenexperten aber diesmal nicht im Finanzsystem selbst. "Derzeit sind die politischen Risiken viel stärker", sagt Pichler. "Die EU ist ihrem Zusammenhalt bedroht, das Verhältnis mit Russland, China und den USA ist konfliktbeladen und die internationalen Handelsabkommen entwickeln sich nicht nur nicht weiter, sondern es geht sogar in die Gegenrichtung. Das sind alles Dinge, die eher bedrohlich sind."

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Dokument erstellt am 2018-09-07 17:33:09
Letzte Änderung am 2018-09-10 19:23:09


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