• vom 12.09.2018, 18:02 Uhr

International

Update: 13.09.2018, 09:56 Uhr

Lehman-Pleite

Arbeiten bis zur Armut




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"Beste Versicherung gegen Armut ist ein Job"

Fernab der Metropolen hat sich im laut Trump angeblich von Generationen von Politikern "vergessenen Amerika" seit seiner Wahl nicht viel verändert; und dass die von den Konservativen betriebene Steuerpolitik die Lage nur noch verschlimmert, scheint sich, glaubt man den Umfragen, mittlerweile sogar in ihren Hochburgen von Mississippi bis Alabama durchzusprechen.

"Die beste Versicherung gegen Armut ist ein Job": Kein republikanischer Kandidat kam in den vergangenen 40 Jahren ohne diesen Satz aus. Aber dieses Diktum führt in die Irre: Denn wenn die US-Lebenswelten im Jahr 10 seit Ausbruch der großen Krise eines belegen, dann das: Nur weil jemand Vollzeit oder sogar noch mehr arbeitet, heißt das nicht, dass er davon auch leben kann. Für jene Menschen, die keinen Uni-Abschluss haben, stellen sich die Zahlen dramatisch dar. Seit Anfang der 1970er sind in den USA die Reallöhne im Billigjob-Segment um ganze 12 Prozent gestiegen. Rund 42 Millionen Menschen - gut ein Drittel aller Amerikaner im arbeitsfähigen Alter - verdienen heute unter 12 Dollar pro Stunde.

Nach Ansicht der Mehrheit der Kongressabgeordneten dürfen sich die meisten dieser Leute noch glücklich schätzen. Der vom Bund festgesetzte Mindestlohn liegt bei 7,25 Dollar. Mittlerweile gibt es in den USA praktisch keinen Bundesstaat mehr, in dem jemand damit ohne staatliche Beihilfen überleben kann. Aber weil sich die Situation im Alltag in der Regel kaum offenkundig niederschlägt, etwa in Form von Obdachlosigkeit (Ausnahme: Städte wie Los Angeles und San Francisco, die aufgrund ihres Klimas und halbwegs funktionierenden lokalen Infrastrukturen Menschen ohne Dach über dem Kopf aus dem ganzen Land anziehen) oder hohen Kriminalitätsraten sieht außer ein paar als "Sozialisten" verschrieenen Politaktivisten niemand einen Grund, daran etwas zu ändern. (Ausnahme: Städte wie Seattle oder Chicago, die 15 beziehungsweise 13 Dollar Mindestlohn vorschreiben.)

Plastischer erklärt: Jeder, der in USA lebt oder sie besucht, sieht nicht, dass die Kellnerin, die ihn im Restaurant bedient, auf Trinkgeld und Lebensmittelmarken angewiesen ist, um ihre Kinder ernähren zu können; dass der freundliche Mann hinterm Steuer seines Uber oder Lyfts täglich bis zu 18 Stunden im Auto sitzt, nur um über die Runden zu kommen; dass die Supermarkt-Kassiererin deshalb so schlecht gelaunt ist, weil trotz regelmäßiger Sonntags- und Feiertagsarbeit das Geld für die Schuluniform der Tochter nicht reicht. In den sogenannten strukturschwachen Regionen - die Mehrheit versammelt in Bundesstaaten, die westlich des Hudson River und östlich der Bundesstaatsgrenze von Kalifornien zu Nevada und Arizona liegen - schlägt sich diese Entwicklung in Statistiken nieder, über die ein Donald Trump nie twittern würde.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-12 18:12:07
Letzte Änderung am 2018-09-13 09:56:44


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