• vom 13.09.2018, 18:45 Uhr

International


EZB

Mit kleinen Schritten zur geldpolitischen Normalität




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  • Die Europäische Zentralbank halbiert ihre umstrittenen Anleihekäufe ab Oktober auf 15 Milliarden Euro. Höhere Zinsen für Sparer wird es aber wohl frühestens in eineinhalb Jahren geben.

EZB-Chef Mario Draghi scheidet im Herbst 2019 aus dem Amt. Ob er noch selbst die erste Zinserhöhung in Kraft setzen wird, ist ungewiss. - © afp

EZB-Chef Mario Draghi scheidet im Herbst 2019 aus dem Amt. Ob er noch selbst die erste Zinserhöhung in Kraft setzen wird, ist ungewiss. © afp

Frankfurt. (red) Zehn Jahre nachdem der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers das globale Wirtschaftssystem an den Rand des Abgrunds gebracht hat, neigt sich nun auch der Anti-Krisen-Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) langsam dem Ende zu. Wie im Juni in Aussicht gestellt, wird das Volumen der monatlichen Anleihenkäufe ab Oktober auf 15 Milliarden Euro halbiert. Ein Ende des - vor allem in Deutschland - umstrittenen Programms zum Kauf von Staats- und Unternehmenspapieren peilen die Währungshüter unverändert zum Jahresende 2018 an. Ein Hintertürchen lassen sich die Notenbanker allerdings weiterhin offen: Voraussetzung für das Auslaufen sei, dass sich die Inflation weiterhin wie zuletzt entwickle.

Die auf insgesamt 2,6 Billionen Euro ausgelegten Wertpapiertransaktionen waren in den vergangenen Jahren die wichtigste Waffe der Notenbank im Kampf gegen die lange Zeit flaue Konjunktur und die aus Sicht der Notenbanker zu schwache Inflation. Doch zuletzt tat sich der im Herbst 2019 aus dem Amt scheidende EZB-Chef Mario Draghi immer schwerer, die Notwendigkeit des Ankaufprogramms gegenüber seinen Kritikern zu verteidigen. Denn die Wirtschaft läuft trotz der jüngsten Abkühlung noch immer rund und auch die hauseigenen EZB-Inflationsprognosen liegen im grünen Bereich. So soll die Teuerung, die im August auf 2 Prozent kletterte, auch in den Jahren 2019 und 2020 bei 1,7 Prozent liegen. Damit wäre die Inflation nahe am Zielwert von knapp unter zwei Prozent, den die EZB als optimal für die Wirtschaft ansieht. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher dazu bringen, Investitionen aufzuschieben, wodurch die Konjunktur abgewürgt werden würde.


Leitzins bleibt bei 0,0 Prozent
"Dass die EZB ihren Ausstiegskurs bestätigt, ist eine gute Nachricht. Was viele den Frankfurter Währungshütern lange nicht zugetraut hatten, wird nun an den Finanzmärkten fast geräuschlos zur Kenntnis genommen", sagte Andreas Bley, Chefvolkswirt beim Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Die am Donnerstag in Frankfurt getroffenen Entscheidungen zementieren aber zugleich ein Andauern der Phase extrem niedriger Zinsen: Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent, zudem müssen Geschäftsbanken weiterhin 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken.

Eine Wende hin zu höheren Zinsen wollen die Währungshüter frühestens im Herbst 2019 einläuten. Der EZB-Rat bekräftigte seine Einschätzung, dass die Zinsen bis "mindestens über den Sommer 2019" auf dem aktuellen Niveau bleiben werden. Volkswirte rechnen damit, dass die EZB dann zunächst die Strafzinsen für Kreditinstitute verringern wird. Sparer dürften auf eine erste Zinserhöhung noch länger warten müssen. Andererseits profitieren Kreditnehmer somit weiterhin von relativ guten Konditionen. An den Anleihenmärkten wird die EZB auch dann noch ein gewichtiger Marktteilnehmer bleiben, wenn sie keine neuen Papiere mehr erwirbt: Gelder aus auslaufenden Anleihen will sie wieder investieren.

"Ein schwieriges Erbe"
Ungewiss bleibt, ob Draghi noch selbst die erste Zinserhöhung in Kraft setzen wird oder das seinem Nachfolger überlässt. Nach Ansicht von Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW hat sich die EZB bis zum Ende von Draghis Amtszeit durch zu viele Vorfestlegungen aber ohnehin zu "weitgehender geldpolitischer Passivität" verdammt. Draghis Nachfolger wird nach Heinemanns Einschätzung zudem ein schweres Erbe übernehmen. "Der oder die Neue wird im Fall eines Abschwungs bei der konventionellen Geldpolitik über keinerlei Handlungsspielraum verfügen", sagte Heinemann. "Außerdem übernimmt er oder sie Verantwortung für eine Zentralbank, die der mit Abstand wichtigste Gläubiger hochverschuldeter Euro-Staaten geworden ist."




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Dokument erstellt am 2018-09-13 18:00:07


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