Das Krisen-Versuchslabor

Die Krise zog immer weitere Kreise und erreichte zunächst Island. Das kleine Land mit weniger als 350.000 Einwohnern hatte einen völlig überblähten Bankensektor, nach der Lehman-Pleite fielen die isländischen Geldhäuser wie Dominosteine, Panik ergriff die Insel im Nordatlantik. "Der Anblick von älteren Frauen, die sich mit mit Plastiksäcken voller Bargeld auf dem Heimweg von der Bank machten, war nichts Ungewöhnliches", schreibt Ásgeor Jónsson, der Chefökonom der Kaupthing-Bank, in seinem im Jahr 2009 erschienen Buch "Why Iceland?".

Island war in diesem Herbst des Jahres 2008 so etwas wie das Post-Lehman-Versuchslabor für den Weltuntergang. In den Supermärkten Reykjaviks gab es Hamsterkäufe, weil die Menschen davor Angst hatten, dass Island schon bald die Devisenreserven für Importe fehlen könnten, Sparer kauften auf der Suche nach einem sicheren Hafen für ihr Geld hektisch Schmuck, Autos, Immobilien, Rolex-Uhren, teure Weine und Cognac zusammen.

Als Nächstes fiel der Blick der Investoren auf die Länder Ost-Mitteleuropas: Ungarn hatte sich schon vor der Lehman-Pleite als krisenanfällig erwiesen, das Land musste im Oktober mit einem 25-Milliarden-Dollar-Kredit von Währungsfonds, Weltbank und Europäischer Zentralbank gerettet werden, ungarische Staatsanleihen konnten nicht mehr auf den internationalen Märkten platziert werden. Dass die ungarischen Sparer sich zu einem großen Teil in Fremdwährung verschuldet hatten, verschlimmerte die Position Ungarns auf den Finanzmärkten ungemein.


Im Frühjahr 2009 wurden Stimmen laut, die auf die Exponiertheit österreichischer Banken in Osteuropa hinwiesen. Eine Wortmeldung des Princeton-Professors, "New York Times"-Kolumnisten und damals frischgebackenen Nobelpreisträgers Paul Krugman ließ die Chefs der Wiener Geldhäuser nervös werden. "Island und Irland geht es ziemlich schlecht, Österreich könnte sich dieser Liga als drittes Land anschließen", wurde Krugman damals zitiert.