New York/Wien. Es ist gegen 18 Uhr am Sonntag, 14. September 2008, der Vorstand der Investmentbank Lehman Brothers ist im großen Konferenzraum im Gebäude an der 745 Seventh Avenue in Manhattan versammelt. Christopher Cox, Vorsitzender der US-Bankenaufsicht Securities und Exchange Commission, wird am Telefon durchgestellt: "Die Notenbank und die Bankenaufsicht sind sich einig. Ihr müsst Bankrott anmelden."

Die Lehman-Pleite

Lehmans Boss, Dick Fuld, ist schockiert. Er steht vor einem Scherbenhaufen - und vor der größten Insolvenz der Geschichte: Es geht um 613 Milliarden Dollar an Außenständen, mindestens 34 Milliarden Dollar sind in Derivativkontrakten in 22 Währungen und dutzenden Ländern in aller Welt offen.

Am Montag, den 15. September 2008, bricht an den Märkten Chaos aus, der Versicherungsgigant AIG muss gerettet werden, um eine komplette Kernschmelze des US-Finanzsystems abzuwenden. Die Notenbanker senken diesseits und jenseits des Atlantik die Zinsen, die US-Notenbank erklärt, man werde den US-Banken Schrottpapiere in Höhe von rund 700 Milliarden US-Dollar abkaufen und Staats- und Regierungschefs überall in den westlichen Ländern versichern den Sparern, dass die Einlagen sicher seien.

Wie konnte es so weit kommen?

Banker - nicht nur an der Wall Street - hatten in sogenannte Subprime-Hypotheken investiert, die das Papier nicht wert waren, auf denen die Pfandscheine gedruckt waren. Der Sprengsatz des 15. September 2008 war in CDOs (Collateral Debt Obligations) versteckt: hochkomplexe strukturierte Finanzinstrumente, in denen ein Mischmasch an Hypotheken mit unterschiedlichem Kreditausfallsrisiko zusammengemixt wurde. Als immer mehr Hauseigentümer ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, flogen den Investoren diese Papiere um die Ohren. Die komplexe Struktur dieser CDOs machte eine vernünftige Risikoeinschätzung so gut wie unmöglich. Welche Papiere waren in Ordnung? Wie viele toxische Hypotheken hatten die Investoren in ihren CDO-Bündeln? Und weil das Finanzsystem so komplex und weitverzweigt ist, brachte der Bankrott von Lehman das ganze Weltfinanzsystem an den Rand des Kollapses. Die weltweite Kreditvergabe fror über Nacht ein: Die Bankinstitute hatten das Vertrauen in ihre Geschäftspartner verloren, weil ja niemand genau wissen konnte, wie viel das Gegenüber nach der Lehman-Pleite in den Wind schreiben muss. Die Börsen stürzten weltweit ab, die Marktteilnehmer flüchteten in vergleichsweise sichere Investments und hatten nur eine Frage: Wer wird als Nächster untergehen? Die sonst so selbstbewussten Trader an den Börsen mussten zusehen, wie ihr Kartenhaus aus Hybris, Spekulation und Sorglosigkeit in sich zusammenfiel.