"Chance verpasst, das bessere Netzwerk zu sein"

Die Google+-Zwangsbeglückungen wurden in den letzten Jahren dann auch Schritt für Schritt zurückgenommen. Was das Ende einleitete. Was zurückgeblieben ist, ist schlicht nichts wert. Denn Nutzerzahlen sagen über den Erfolg wenig aus.

Schaut man sich die Verweildauer auf Google+ an, kommt man schon eher dahinter, warum Schluss ist. 90 Prozent der Nutzer waren weniger als fünf Sekunden pro Sitzung auf der Plattform. Das reicht wohl gerade einmal, um die App auf dem Smartphone zu finden, zu öffnen - und gleich wieder zu schließen.

Was hat Google+ also noch falsch gemacht?

"Ein neues Produkt ohne Community scheitert", sagt Henk Van Ess. Das soziale Netzwerk zur Pflege von Geschäftskontakten, LinkedIn, versuche auch, Facebook nachzuahmen. So gibt es Likes, Nicht-Likes und Berichte - und das funktioniert gut, weil es bereits eine Community gibt, so Van Ess.

Die Geschichte von Google+ ist aber auch eine der verpassten Chancen. War zu Beginn des Netzwerks die Diskussion um den Schutz der Privatsphäre der Nutzer noch kein so dringliches Thema, so hätte Google genau das zum Unique Selling Point machen können und sich als soziales Netzwerk anbieten können, das Privacy ernst nimmt und schützt. Aber auch an eine starke Integration von Google-Produkten hätte das Unternehmen denken können, sagt Van Ess.

"Gegen Facebook schaffen es nur Guerilla-Unternehmen"

Auch wenn es viele Initiativen von kleinen Unternehmen gibt, eine Netzwerk-Alternative für Facebook zu bieten, so sieht der Social-Media-Experte Van Ess derzeit noch keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten am Markt.

Um hier erfolgreich zu sein, muss man seiner Meinung nach dafür sorgen, dass die Nutzer nicht abgezockt und mit Werbung überladen werden. "Ein werbefreies Netzwerk zu betreiben ist zwar sehr schwierig, aber man sollte versuchen, die Leute erst einmal werbefrei in Kontakt treten zu lassen", sagt Van Ess. Später könne man versuchen, die "heavy user" für ein Geschäftsmodell zu gewinnen, bei dem diese dann als Zusatzfunktion mehr Fotos versenden können.

"Am Ende wird es aber immer heißen: Ich habe doch schon Facebook und Snapchat - warum soll ich das denn machen?", so Van Ess.

Einen Konkurrenten, der eine echte Alternative zu Facebook sein kann, werde kein Internet-Gigant wie etwa Google auf die Beine stellen, so der Berater. Vielmehr könnten es eher kleine Unternehmen mit guerillaartigen Strategien vielleicht schon bald schaffen, der Nummer eins unter den Online-Netzwerken die Stirn zu bieten.

Bis dahin haben die Google+-Nutzer zehn Monate Zeit, sich zu verabschieden und ihre Daten zu sichern - sofern sie jemals aktiv etwas gepostet oder geteilt haben.