Erbil. Ihr Zuhause ist eigentlich nur temporär. Eine Stadt aus Baracken, unterteilt durch staubige Erdstraßen, von der Umgebung abgegrenzt durch einen Sicherheitszaun. Im Hintergrund baut sich die Skyline von Erbil auf. Harsham heißt diese 2014 gewachsene Containerstadt für rund 1500 Binnenflüchtlinge, die aus ihrer Heimat Mossul und der Umgebung vertrieben wurden, als der "Islamische Staat" (IS) sein Terrorregime errichtete.

Das Trainingscenter liegt direkt neben dem Flüchtlingscamp Harsham, im Gewächshaus wurde bereits geerntet. - © Unido, Gerald Reyes
Das Trainingscenter liegt direkt neben dem Flüchtlingscamp Harsham, im Gewächshaus wurde bereits geerntet. - © Unido, Gerald Reyes

Im Juli 2017 wurde Mossul von der irakischen Armee und US-Streitkräften befreit, doch an eine Rückkehr ist noch nicht zu denken. Die nordirakische Stadt, die rund 85 Kilometer von Erbil entfernt ist, liegt in Schutt und Asche: Zerbombte Häuser, verminte Straßen, zerstörte Schulen und Krankenhäuser. Einst lebten in der Metropole zwei Millionen Menschen, fast 900.000 Menschen sind laut UNO-Angaben geflohen. Viele nach Erbil. Die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan gilt als relativ sicher. Es fehlt noch an Mitteln zum Wiederaufbau von Mossul.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der Alltag im Camp ist trist. Zwar fehlt es nicht an Infrastruktur: Es gibt eine funktionierende Wasserversorgung, Strom und eine kleine Klinik. Doch während die Männer meist versuchen, in der Stadt Arbeit zu finden, bleibt den schlecht Ausgebildeten, den Älteren und den Frauen dieser Wunsch meist verwehrt. Sie bleiben im Camp zurück. "Sie müssen in der Zeltarchitektur leben, dabei kommen viele gar nicht aus armen Verhältnissen, sondern besaßen vorher ein Haus und hatten ein gutes Einkommen", sagt Baerbel Mueller von der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie leitet dort Applied Foreign Affairs, eine Forschungsgruppe, die in der Sub-Sahara-Region und dem Mittleren Osten sowohl kulturelle als auch Infrastrukturprojekte umsetzt.

Ziel ist die Selbständigkeit

Es sei für die Frauen psychologisch wichtig, aus dem Camp rauszukommen, sagt Mueller. Denn im Camp gibt es wenig Perspektiven und keine Privatsphäre. Gemeinsam mit ihrem Team wollte sie die Situation verbessern. 2016 gab es eine Anfrage der UNO-Entwicklungsorganisation Unido, wie man das Leben der Flüchtlinge in Erbil aufwerten kann. Die Antwort: mit Fortbildungen, Freizeitaktivitäten und viel Grünflächen.

Im Auftrag des kurdischen Landwirtschaftsministeriums ist auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern ein Trainingscenter samt Gewächshäusern entstanden. Auch ein Garten ist geplant. "Die Menschen kommen aus der Gegend um Mossul, wo es viel Landwirtschaft gibt. Sie haben Erfahrung mit dem Anbau von Gemüse", sagt die Wiener Architektin Stefanie Theuretzbacher, die das Projekt vor Ort umsetzt. Im Camp waren die Flüchtlinge zu Untätigkeit gezwungen, mit dem neu geschaffenen Trainingscenter können sie wieder einer geregelten Beschäftigung nachgehen. In den Gewächshäusern wachsen Gurken, Melanzani, Tomaten, Karotten, Brokkoli und Mais. Die ersten Zucchini wurden bereits geerntet. "Innerhalb von nur wenigen Monaten können hunderte von Binnenflüchtlingen aus dem Irak und Syrien im Gewächshausanbau ausgebildet werden", erzählt die Architektin, die in Lagos, Nigeria, ihr eigenes Architekturbüro mitbegründet hat.

Ein Gewächshaus ist für den Anbau von Blumen reserviert. Denn Schnittblumen erzielen am Markt einen hohen Preis. Auf lange Sicht soll dadurch das Einkommen der Menschen gesichert werden. Daneben wurde ein Gebäude gebaut, in dem Fortbildungen stattfinden und in dem die Frauen Marmeladen, Säfte, eingelegte Gurken und Kräuterprodukte herstellen können.

Klima als Herausforderung

Das Projekt war für die Architektin und ihr Team in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Denn Kultur, Gesellschaft, lokale Gegebenheiten und nicht zuletzt das Klima unterscheiden sich stark von Europa. So steigen die Temperaturen in der Region im Sommer auf bis zu 50 Grad und fallen im Winter bis unter den Gefrierpunkt.

Die Menschen, die im Camp leben, sind froh über den neu geschaffenen Raum. "Am häufigsten werde generell der Wunsch nach Aktivitäten außerhalb des engen Camps geäußert", sagt die Architektin. Das Gebäude und der Garten, der demnächst angelegt wird, bieten eine Möglichkeit, dem tristen Alltag in den Containern zu entfliehen.