Frankfurt. (rs/reuters) Schon bisher hatten die Cum-Ex-Geschäfte alle Zutaten für einen gigantischen Skandal: Milliardenverluste für den Staat, lange ahnungs- und tatenlose Politiker und Finanzaufseher, gierige Anleger sowie skrupellose Banker und Steuerberater und Maulwürfe in Ministerien. Die bisherige Aufarbeitung des organisierten Steuerraubs, bei dem sich die Täter mithilfe verschachtelter Finanzkonstruktionen die Kapitalertragsteuern auf Dividenden gleich mehrfach zurückerstatten ließen, ging dennoch eher geräuschlos und unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit vor sich. Selbst der Untersuchungsausschuss im deutschen Bundestag, der sich der Affäre von 2016 bis 2017 widmete, blieb weitgehend unbeachtet und auch ohne substanzielles Ergebnis.

Dass die "Cum-Ex"-Geschäfte auch weiterhin ein Skandal ohne großen Aufschrei bleiben, ist seit diesem Donnerstag allerdings deutlich unwahrscheinlicher geworden. Denn wie die gemeinsamen Recherchen von 19 Redaktionen aus 12 Ländern (darunter unter anderem die ARD, "Die Zeit", "Le Monde", "La Repubblica" und Reuters) ergeben haben, geht die Affäre - anders als bisher vermutet - weit über die deutschen Grenzen hinaus. So sind nach Reuters-Informationen von den umstrittenen Geschäften mindestens zehn weitere europäische Länder, darunter etwa Dänemark, Österreich, Belgien und Norwegen betroffen.

Zugenommen hat aber nicht nur die Zahl der Staaten, sondern auch die Höhe des finanziellen Schadens. So halten Experten wie der Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick die fünf Milliarden Euro, von denen das deutsche Finanzministerium seit Anfang des Jahres ausgeht, schon längst nicht mehr für realistisch. Nach Schicks Ansicht haben die beteiligten Banken und Trader den deutschen Staat um mindestens die doppelte Summe betrogen.

Noch atemberaubender wird es allerdings, wenn man die europäische Dimension in den Blick nimmt. So beläuft sich der Schaden für die Steuerzahler im 5,8 Millionen Einwohner zählenden Dänemark etwa auf umgerechnet rund 1,7 Milliarden Euro. In Belgien überwies der Fiskus immerhin 201 Millionen Euro, bevor weitaus größere Rückforderungen, davon einige bis in das Jahr 2017 hinein, gestoppt werden konnten. Wenn man weitere undurchsichtige Konstruktionen wie das umstrittene Steuersparmodell "Cum-Cum" hinzuzählt, könnte damit über mehrere europäische Länder sogar eine Summe von mehr als 55 Milliarden Euro zusammenkommen sein.

Ein weit gesponnenes Netz

Das von den Redaktionen auf einer eigenen Web-Seite veröffentlichte Material zeigt zudem, wie weit gesponnen das Netz der internationalen Steuerbetrüger war. So sind im Visier der dänischen Behörden vor allem Personen in den USA. Auch gegen einen britischen Staatsbürger, der in Dubai lebt, läuft ein Verfahren. Doch nicht immer ging es über so große Distanzen, manchmal war einfach auch nur das Nachbarland das Ziel. So hatten einige Verdächtige laut der Staatsanwaltschaft Wien versucht, das "Cum-Ex"-System ganz einfach aus Deutschland auf Österreich zu übertragen.