Riad/Washington. (ast/apa) Nach den USA belegt auch Großbritannien Verdächtige im Fall des getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi nun mit Einreisesperren. Den Verdächtigen werde das Visum entzogen, erklärte die britische Premierministerin Theresa May am Mittwoch in London. Zeitgleich haben in Österreich die Oppositionsparteien Liste Pilz, Neos und SPÖ die Schließung des Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog in Wien gefordert. Saudi-Arabien fehle als Geldgeber die Glaubwürdigkeit, sagte Andreas Schieder. Das Zentrum diene "als Feigenblatt und PR-Maßnahme". Außerdem solle sich Österreich in der EU für einen sofortigen vollständigen Stopp von Waffenexporten einsetzen, so der außenpolitische Sprecher der SPÖ.

Zuvor hatten die USA Einreisesperren für 21 saudische Staatsbürger verhängt und damit erstmals Konsequenzen aus den Vorwürfen gezogen, Khashoggi sei im saudischen Konsulat in Istanbul getötet worden. US-Präsident Donald Trump sprach in einem Interview des "Wall Street Journal" den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman nicht von einer Verantwortung für den mutmaßlichen Auftragsmord frei.

Bereits zuvor hatten zahlreiche andere Regierungen die bisherige Erklärung des Königshauses in Riad als unzureichend bezeichnet, Khashoggi sei bei einer Auseinandersetzung in dem Konsulat versehentlich ums Leben gekommen. Khashoggi hatte die diplomatische Vertretung am 2. Oktober aufgesucht und ist seither verschwunden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wirft Saudi-Arabiens Staatsführung vor, den regierungskritischen Journalisten ermordet zu haben.

Beim Wirtschaftsforum in Riad äußerte sich der Kronprinz erstmals zu dem Fall und verurteilte das "abscheuliche Verbrechen".

Ausländische Investoren
oder höhere Schulden

Es scheint, als könnte dem weltgrößten Öl-Exporteur Saudi-Arabien kein Skandal etwas anhaben.

Das Königreich importiert außerdem in Milliardenhöhe Produkte aus Ländern wie den USA oder Großbritannien, die auf diese Deals äußerst ungern verzichten wollen, da an den Aufträgen zahlreiche Arbeitsplätze hängen. Trotzdem könnte der Fall Khashoggi der saudischen Wirtschaft schaden, denn bin Salman ist vor allem auch dafür angetreten, die saudische Wirtschaft zu reformieren. Weg vom Öl, das rund 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Landes ausmacht, aber auch weg von Immobilien und dem Bau von Infrastrukturen - hin zu einer wissensbasierten Wirtschaft und Industrie. Für die braucht es aber ausländische Investoren.

Der Plan des Prinzen, die "Vision 2030", die die saudische Wirtschaft diversifizieren und öffentliche Dienstleistungssektoren wie Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, Erholung und Tourismus zu entwickeln soll, wird aktuell von der Kapitalflucht aus dem Land durchkreuzt.

Noch bevor das Königreich eingeräumt hatte, in den Tod des Journalisten involviert gewesen zu sein, stiegen die Risikoaufschläge auf saudische Staatsanleihen etwa um 32 Prozent an.

Trotz Boykott
Deals in Milliardenhöhe

Das fehlende ausländische Kapital für neue Projekte und Städte kann sonst nur durch mehr Schulden ausgeglichen und vorangetrieben werden.

Das bedeutet aber ein weiteres Risiko, ist ein höheres Budgetdefizit doch ein schlechtes Zeichen für Investoren, da dieses die Währung belastet. Saudi-Arabien ist durch seine vermehrten Verbindungen mit internationalen Investoren also ebenfalls nicht ganz so unabhängig wie gedacht.

Aber auch wenn namhafte Politiker und Wirtschaftsleute bei der saudischen Investment-Konferenz, die noch bis Donnerstag andauert, abgesagt haben, so konnte das Königreich trotz des Boykotts wegen des Falles Khashoggi, bereits Deals in der Höhe von rund 50 Milliarden Dollar abschließen. Mit von der Partie unter anderem: Südkoreas Autobauer Hyundai, der amerikanische Ölfeldausrüster Schlumberger sowie der französische Ölkonzern Total. Allein der saudische Energie-Riese Aramco hat 15 Abkommen im Wert von mehr als 34 Milliarden Dollar abgeschlossen.

Trotzdem hat sich die saudische Börse von dem kürzlichen Absturz noch nicht erholt (siehe Grafik). Die Angst, den zahlungskräftigen Handelspartner Saudi-Arabien gerade in Sachen Rüstungsimporte etwa an Russland oder China zu verlieren, dürfte die westlichen Staaten und Konzerne vielleicht aber bald wieder zu etwas sanfteren Tönen finden lassen.