Neu-Delhi. Es ist kurz vor neun Uhr und noch dämmrig. Ein Strom von Arbeitern zieht an hohen Fabrikgebäuden vorbei. In wenigen Minuten beginnt die Schicht. Vani Kaur* steht nervös am Straßenrand. Sie steigt von einem Fuß auf den anderen. Um ihren Hals hängt ihr Arbeitsausweis. "Maharani of India Einheit 417" steht darauf. Das indische Unternehmen ist offizieller Zulieferer von H&M.

Kaur wird heute 14 Stunden lang Kleidung nähen, die schließlich in einem der weltweit 4353 Shops des schwedischen Großkonzerns landet. Sie muss täglich sechs Überstunden machen. Dafür verdient sie umgerechnet 111 Euro im Monat. "Der Lohn ist zu wenig. Damit kann ich mir keine bessere Zukunft gestalten", sagt sie. Zu ihren zwei Kindern wird sie heute erst um elf Uhr am Abend heimkommen. Es gäbe noch viele Fragen zu stellen, doch Kaur muss weg. Sie läuft Richtung Fabrik.

Udyog Vihar ist eines von mehreren Industrievierteln in Gurgaon, einer Stadt an der Grenze zu Delhi. Im Viertel gibt es rund 1000 Fabriken. In etwas mehr als der Hälfte wird Kleidung für westliche Modeunternehmen hergestellt. Auf den öffentlichen Zulieferlisten von H&M, Primark oder C&A finden sich zahlreiche Fabriken in Udyog Vihar.

Textilunternehmer H.K.L. Magu sieht mehr Chancen als Probleme für seine Mitarbeiter. - © Anna Holl
Textilunternehmer H.K.L. Magu sieht mehr Chancen als Probleme für seine Mitarbeiter. - © Anna Holl

Mit seinen billigen Arbeitskräften zieht Indien die großen Modekonzerne an. Je nach Bundesstaat und Qualifikationen verdienen Arbeiter monatlich zwischen 54 und 137 Euro. Nur in wenigen Ländern wie Sri Lanka, Bangladesch und Pakistan wird noch weniger bezahlt. Im globalen Kampf um den billigsten Produktionsort kann sich Indien so eine Milliarden-Industrie sichern. Das Land ist weltweit der fünft-größte Exporteur von Bekleidung.

Wer die Stückzahl nicht schafft, wird rausgeschmissen

Um Punkt neun sind die Straßen im Industrieviertel leer. Alle die vorher vorbeigezogen sind, arbeiten jetzt in den Fabriken. Der Gewerkschafter Pranav Jha* geht zurück ins Büro von Gawu, der "Garment and Allied Workers Union". Er war bis vor zwei Jahren selbst Textilarbeiter und kämpft jetzt für die Rechte seiner Kollegen. Im Büro der Gewerkschaft warten Poonam Banot* und ihr Ehemann Debjit*.

Beide arbeiten seit vielen Jahren in der Textilindustrie. Sie sind wie die meisten Arbeiter vom Land gekommen, um sich in der Stadt ein besseres Leben aufzubauen. Debjit verdient monatlich knapp 130 Euro, Poonam 114 Euro. Sie wohnen mit ihren drei Töchtern in einem Zimmer. Die Toilette teilen sie sich mit den Nachbarn. Jeden Monat müssen sie überlegen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Ihre Kinder sollen es einmal besser haben. "Meine Kinder werden sicher nicht in der Textilindustrie arbeiten", sagt Poonam bestimmt. Ihr Mann ist weniger optimistisch: "Im Endeffekt ist das alles eine Falle. Wir stecken fest. Für die nächste Generation wird es dasselbe sein."