Haikou/Boao. Hainan, das war einst ein Ort der Verbannten. Chinas Kaiser schickten in Ungnade gefallene Höflinge auf die südlichste Insel ihres Reiches, wo diese in der malariaverseuchten, verarmten und abgelegenen Region dem Ende ihrer Tage entgegenblickten. Heute besuchen jährlich mehr als 50 Millionen Chinesen und etwa eine Million Gäste aus dem Ausland freiwillig Chinas südlichste Provinz. Familien und junge Paare schießen mit ihren Smartphones Selfies an den kilometerlangem, mit Palmen gesäumte Stränden und zeugen davon, dass die Insel mit ihrem tropischen Klima zu einem Hotspot für Touristen geworden ist. Zudem ist die am westlichen Rand der Volksrepublik gelegene Provinz nun ein Tor zur Welt. In den Häfen Hainans stapeln sich die Container, werden Speicher mit Gas befüllt. Hier kommen Rohstoffe und Waren aus aller Welt an. Gleichzeitig verschifft von hier aus der Exportweltmeister China Laptops, Spielzeug und viele andere der in dem Riesenreich massenhaft hergestellte Produkte.

Hainan ist deshalb ein wichtiger Baustein in Chinas gigantomanischem Infrastrukturprojekt für das 21. Jahrhundert, der Neuen Seidenstraße. Schiffsverbindungen, Schienenstränge und neue Straßen gehen über Asien und reichen in afrikanische Dörfer genau so wie in europäische Stadtzentren, und binden somit China noch enger an die weltweiten Märkte an. China errichtet Häfen und Industrieparks, vergibt Kredite oder geht strategische Kooperationen mit anderen Ländern ein und knüpft so ein engmaschiges Netz von Handelsrouten und neuen Abhängigkeiten. Laut eigenen Angaben hat China dabei in den vergangenen fünf Jahren bereits mit 103 Staaten Kooperationen vereinbart und mehr als 28 Milliarden Dollar investiert.

"Hainan ist der wichtigste Knotenpunkt bei den Meeresverbindungen der Seidenstraße", sagt Wang Lu, der Vizegouverneur der Provinz, bei einem Kongress zur Neuen Seidenstraße, zu dem die Staatszeitung "People’s Daily" internationale Journalisten, Wissenschaftler und diplomatische Vertreter in die Stadt Boao geladen hat. Doch nicht nur Schiffe, auch ausländische Investoren sollen die Insel in Zukunft vermehrt ansteuern.

Gesamte Insel wurde zur Freihandelszone

Am 13. April dieses Jahres hat Präsident Xi Jinping Hainan zu einer Freihandelszone und einem Freihandelshafen "mit chinesischem Charakter" erklärt. Es ist ein besonderer Vorgang: Freihandelszonen gibt es bereits in China, hier wird nun eine ganze Provinz mit 35.000 Quadratkilometern und 9,1 Millionen Einwohnern zu einer solchen gemacht. "Von den anderen elf Freihandelszonen können wir übernehmen, was uns sinnvoll erscheint, gleichzeitig aber auch unseren eigenen Weg gehen", sagt Wang.