London/Brüssel. (reu/dpa/da) Mit spektakulären Neuigkeiten wartete die Londoner "Times" auf: Britische Finanzdienstleister dürften nach dem Brexit weiterhin Zugang zu den EU-Märkten erhalten. Unterhändler von Großbritannien und der EU hätten eine vorläufige Vereinbarung für alle Aspekte einer zukünftigen Partnerschaft bei Dienstleistungen sowie beim Datenaustausch erzielt. Die Regulierung der Finanzbranche müsse sich dabei an EU-Vorgaben orientieren.

Die Zeitung berief sich auf britische Regierungskreise. Das Brexit-Ministerium dementierte eine Einigung: "Während wir weiterhin gute Fortschritte bei der Vereinbarung neuer Regelungen für Finanzdienstleistungen machen, gehen die Verhandlungen weiter und nichts ist vereinbart, bis alles vereinbart ist" - also bis das Abkommen über den EU-Austritt und eine politische Erklärung für die künftigen Beziehungen zwischen Brüssel und London steht.

Ohne eine Regelung über die künftigen Beziehungen könnten beispielsweise die in London ansässigen Finanzinstitute keine wichtigen Dienstleistungen mehr für EU-Kunden erbringen. Die EU-Kommission wollte den "Times"-Bericht nicht kommentieren. Die Kontakte liefen derzeit auf technischer Ebene, sagte ein Sprecher. EU-Chefverhandler Michel Barnier sprach auf Twitter von "irreführenden Artikeln".

Gegen Brexit-Financier Arron Banks wird ermittelt. - © afp/Tallis
Gegen Brexit-Financier Arron Banks wird ermittelt. - © afp/Tallis

Für unmittelbare Konsequenzen sorgte der Artikel bereits, und zwar auf dem Devisenmarkt. Nach Veröffentlichung stieg der Pfund-Kurs sprunghaft.

Brexit-Ministerium widerspricht Ressortchef


Brexit-Minister Raab geht davon aus, dass ein Abkommen mit Brüssel über den EU-Austritt Großbritanniens bis zum 21. November in trockenen Tüchern sein kann. Sein eigenes Ministerium widersprach daraufhin, es gebe keinen solchen Termin. Sollte der Deal wider Erwarten doch noch im November stehen, könnte es noch vor Weihnachten zu einer Abstimmung darüber im Londoner Parlament kommen. Die Verhandlungen stocken vor allem mit Blick auf die Irland-Frage. Wie Grenzkontrollen zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland verhindert werden können, ist allerdings weiter offen.

Die Hängepartie bei den Brexit-Verhandlungen macht der britischen Wirtschaft zu schaffen. Notenbankchef Mark Carney sprach am Donnerstag von "annähernd maximaler Unsicherheit". Die britische Industrie wächst so langsam wie seit dem Brexit-Referendum Mitte 2016 nicht mehr und droht zum Jahresende sogar zu schrumpfen. Der Leitzins wurde bei 0,75 Prozent belassen.

Ungemach könnte nun auch auf einen der führenden Brexiteer zukommen, Arron Banks. Die Ermittlungsbehörde für schwere und organisierte Kriminalität ermittelt gegen den Geschäftsmann, der die Austrittskampagne mitfinanzierte. Ausgangspunkt waren schwere Zweifel der britischen Wahlbehörde, dass Banks die wahre Quelle eines Kredits über acht Millionen Pfund gewesen sei. Vermutet werden Firmen mit Sitz auf der Isle of Man und in Gibraltar, die sich damit widerrechtlich in den Brexit-Wahlkampf eingemischt hätten. Die Wahlbehörde habe keine Beweise vorgelegt, die Ermittlungen seien nun Gelegenheit, die Vorwürfe auszuräumen, sagte Banks.

Im Juni wurde bekannt, dass Banks Kontakt mit russischen Regierungsbeamten aufgenommen hatte. Er soll auch zum mutmaßlicher russischer Geheimdienstmitarbeiter Alexander Udod Kontakt gehabt haben, der aus Großbritannien ausgewiesen wurde.