• vom 24.11.2014, 16:20 Uhr

International

Update: 24.11.2014, 17:08 Uhr

Interview

Der Moralphilosoph und die Ökonomie




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Von Thomas Seifert

  • Die Finanzwirtschaft ist von einem Werkzeug in der Ökonomie zum Treiber der Volkswirtschaft geworden, klagt Julian Nida-Rümelin.

Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.

Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.© Luiza Puiu Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.© Luiza Puiu

"Wiener Zeitung": Die Anreizsysteme in Banken - Stichwort Bankerboni - belohnen nicht gerade nachhaltiges Verhalten.


Julian Nida-Rümelin: Das ist nur ein Teil des Problems. Das Problem beginnt damit, dass eine Vielzahl von Volkswirtschaften einen übermäßig aufgeblähten Finanzsektor haben, etwa Großbritannien, Luxemburg oder die Schweiz. Dazu kommt, dass sich die ursprüngliche Funktion der Finanzwirtschaft gewandelt hat. Sie ist von jener Säule der Wirtschaft, die Anlagen und bestimmte Kredite ermöglicht, zu einem Treiber der gesamten Ökonomie geworden.

Und es ist machen Ländern nicht gut bekommen, zu stark auf den Finanzdienstleistungssektor zu setzen.

Island ist ein Beispiel, das man nennen könnte, Irland ebenso. Ich vermute, dass wir eine lange Phase der Redimensionierung des Finanzsektors vor uns haben. Die Überblähung dieses Teils der Wirtschaft war schlicht keine gesunde Entwicklung. In keinem anderen Bereich hatte man Fehlentwicklungen in ähnlichem Ausmaß. Ich will es einmal so formulieren: Das Gros der wirtschaftlichen Praxis, des Alltags, wie zum Bäcker Brot kaufen gehen, oder beim Autohändler ein Auto bestellen, oder zur örtlichen Sparkasse gehen, um sich zu erkundigen, wie man zumindest ein klein wenig Rendite für sein Erspartes bekommen kann, läuft meist zur Zufriedenheit aller ab. Das heißt, Ihre Ansprechpartner geben Ihnen Auskünfte, von denen sie selber überzeugt sind. Die ökonomische Praxis des Alltags ist also überwiegend von einer Vertrauenskultur geprägt. Auf den Finanzmärkten gibt es aber diese Kultur vielfach nicht, dort löst sich die ökonomische Optimierung aus den Strukturen der Vertrauenskultur, der Moral, auch des Rechts.

Die Politik hätte regulierend eingreifen müssen?

In der Tat: Die Politik hat aber dem Drängen der Finanzwirtschaft nachgegeben. Auch in Deutschland und auch die Regierung, der ich angehört habe (Nida Rümelin war Kulturstaatsminister in der ersten rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Schröder, Anm.). Die Folgen waren mitunter ziemlich verheerend. Ich warne aber auch davor, dass man nun glaubt, man könne all das wieder über staatliche Strukturen in den Griff kriegen. Und auch der Basel-Prozess, der gewisse hochriskante Finanzpraktiken unterbinden will, hat den unerwünschten Effekt einer immer restriktiveren Kreditvergabe, davon profitieren die Staatsschuldner und darunter leidet die Realwirtschaft. Also Vorsicht: Der Staat allein kann das nicht richten!

Aber was kann man sonst noch tun?

Die gesamte Wirtschaft sollte ein hohes Eigeninteresse daran haben, dass grundlegende Ethos-Normen wieder selbstverständlicher Bestandteil des Berufsbildes werden sollen. Ein Arzt stellt ja auch keine Diagnose, die seiner Praxis das höchste Einkommen verspricht, sondern jene, die er für seinen Patienten für richtig hält. Genauso muss das auch in der Finanzwirtschaft sein. Wenn ich eine Empfehlung gebe, dann bin ich davon überzeugt, dass sie im Interesse des Kunden ist. Ich meine sogar, dass die Situation günstig ist. Es wächst eine Generation heran, die nicht mehr nur getrieben ist von möglichst hohen, möglichst schnellen Gewinnen oder Einkommen, sondern die auch noch andere Interessen hat. Der zweite Punkt: Ein Unternehmen, das sich anständig verhält, dem Nachhaltigkeit, Fairness und Vertrauen wichtig sind, achtet auch darauf, dass die eigenen Mitarbeiter nicht nach zwei Jahren ein Burn-out erleiden. Die jüngere Generation legt zunehmend Wert auf eine gute Balance zwischen Beruf und Familie, zwischen Arbeit und außerberuflichem Engagement.

Der frühere Vorsitzende der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, eine Ikone der Neoliberalen, hat nach dem Beinahe-Kollaps der Weltwirtschaft zugegeben, dass er Fehler in seiner Ideologie gefunden hat.

Der ideale Markt basiert auf einer letztlich anarchistischen Ideologie, nämlich dass die beste aller Welten jene wäre, in der alle Individuen rational optimierten. Dann würde ein idealer Markt entstehen und es gäbe nur mehr Pareto-effiziente Verteilungen. Das bedeutet, man kann keinen Einzelnen mehr besserstellen, ohne einen anderen schlechterzustellen. Dabei zeigt schon die Spieltheorie, dass mehrere jeweils individuell optimierende Mitspieler schlechter abschneiden, als wenn sie kooperieren. Wenn zum Beispiel im Gefangenendilemma die "Gefangenen" zusammenarbeiten, haben sie die Chance auf einen höheren Gewinn, wenn sie einander "verraten", ist die Auszahlung für jeden geringer. Wenn Sie glauben, der andere verrät sie, kassieren lieber Sie selbst. Wenn nicht, können beide den Gewinn lukrieren. Auffällig ist in jedem Fall, dass in der alten Auseinandersetzung zwischen den Anhängern von Friedrich August von Hayek, dem Säulenheiligen der Marktfundamentalisten, und John Maynard Keynes, der Ikone der Anhänger einer sozialen Marktwirtschaft, die Debatte heute wieder von den Keynesianern dominiert wird. Ich bin übrigens nicht glücklich darüber, dass es nur um diese Alternative zu gehen scheint: Beide Paradigmen der Ökonomie haben gravierende Defekte!

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Dokument erstellt am 2014-11-24 16:23:05
Letzte Änderung am 2014-11-24 17:08:04



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