• vom 24.11.2014, 16:20 Uhr

International

Update: 24.11.2014, 17:08 Uhr

Interview

Der Moralphilosoph und die Ökonomie




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Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.

Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.© Luiza Puiu Julian Nida-Rümelin beim Europäischen Forum Alpbach.© Luiza Puiu

Liberale Ökonomen reden zwar gerne über Geld, sehr ungern über Macht. In den USA hat es den Anschein, als würde sich eine Plutokratie jene Regeln von der Politik kaufen, die sie gerne hätte, und das dann Lobbying nennen.

Der Kern der neoklassischen Theorie besteht darin, dass der freie, staatlich nicht oder nur minimal kontrollierte Markt die beste aller Möglichkeiten ist. Das setzt aber voraus, dass es keine Machtballungen gibt, dass das Spiel grundsätzlich offen ist. Was aber de facto passiert, ist - vor allem in den USA, aber auch in China und in Brasilien -, dass das Gros des Wirtschaftswachstums einem immer kleineren Teil der Bevölkerung zugute kommt. Das führt zu Vermögensanballungen, die eine Art Refeudalisierung der Gesellschaft mit sich bringen.

Man sieht auch die Herausbildung von Quasi-Monopolen, vor allem im Software-Bereich.

Google und Microsoft haben tatsächlich eine Dimension erreicht, in der die normalen Marktkräfte außer Kraft gesetzt sind. Das ist ein ernstes Problem und auch eine paradoxe Entwicklung, denn nun sind genau jene hilflos, die zuvor für eine geradezu anarchische Freiheit des Marktes plädiert haben. Die müssen nun zusehen, wie sich Oligopole oder gar Monopole entwickeln, die dann den freien Markt ad absurdum führen.

Wir leben in einer Zeit eines enormem Pessimismus in Europa. Haben wir nicht auch ein Stimmungs-Problem auf unserem Kontinent?

Europa hätte in meinen Augen grundsätzlich günstige Bedingungen, um in Zukunft zu bestehen. Als einzige große Region auf der Welt hat sich hier ein Kompromiss zwischen staatlichen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen entwickelt. Wir haben wenig schreiende Armut, das kann man von den USA nicht behaupten. Und es gibt auch nicht diese extremen Ungerechtigkeiten wie in China, Brasilien, Afrika oder Indien. Europa ist ein mächtiger Wirtschaftsblock: Die EU hat die größte Wirtschaftskraft weltweit. Aber: Europa fesselt sich gegenwärtig selbst durch eine institutionelle Krise, die Eurozone hat darüber hinaus keine normal funktionierende Zentralbank wie Japan, Großbritannien oder die USA. Ich bin der Letzte, der hier den Euroskeptiker geben will, aber letztlich haben wir ein System von Fremdwährungen, weil die EZB-Währungspolitik für Länder mit unterschiedlicher Wirtschaftspolitik machen muss. Letztlich hat aber die EZB das Schlimmste verhindert. Auch wenn eine Garantie der EZB, notfalls schlecht besicherte Kredite als Besicherung zu übernehmen, höchst problematisch ist. Das Einschwören auf Haushaltsdisziplin hat zudem eine dynamische Wirtschaftsentwicklung in Europa abgewürgt. Denn die Entwicklung in Spanien oder Italien kann auf Dauer so nicht weitergehen. Die Lösung ist aber nicht die Rückkehr zu eigenen Währungen, die Lösung ist eine gemeinsame Fiskal-, Wirtschafts- und Sozialunion.

Die Rolle Deutschlands hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, der deutsche Intellektuelle Ulrich Beck warnte gar vor einem "deutschen Europa".

Das ist nicht ganz fair, denn die meisten deutschen Staatsbürger haben null Interesse, dass Deutschland eine dominante Rolle in Europa spielt. Die Deutschen wollen ihr Geld zusammenhalten, sie wollen nicht in die Krise hineingezogen werden und wollen wohl auch nicht für die Verfehlungen der Regierungen anderer Staaten den Kopf hinhalten. Die Bereitschaft ist ja tatsächlich in Deutschland nicht sehr ausgeprägt, sich auszumalen, dass man am Ende für die Schulden Frankreichs oder Italiens geradestehen muss. Ich glaube sowohl in Deutschland als auch in Italien hätten wir eine völlig neue Situation, wenn man im Euroraum gemeinsam politisch entscheiden könnte, bestimmte Mittel bereitzustellen, um Krisen zu verhindern. Das wäre eine andere Situation, als wir sie gegenwärtig haben. Wir sind noch ganz dem Muster intergovernementaler Politik verhaftet, anstatt dass eine selbstbewusste europäische Bürgerschaft durch die Wahl einer europäischen Parlaments- und zugleich Regierungsmehrheit über die weitere Entwicklung der europäischen Integration entscheiden könnte.

Zur Person

Julian Nida-Rümelin

geboren 1954 in München ist Philosoph und Professor an der Universität München. Nida-Rümelin war von 1998 bis 2001 Kulturreferent der Stadt München und wurde danach vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Staatsminister für Kultur und Medien in die rot-grüne Koalition berufen. Sein Buch "Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Ökonomie" löste Diskussionen in Unternehmen über die Rolle der Ethik in der ökonomischen Praxis aus. Zuletzt erschien bei edition Körber-Stiftung der Essay "Der Akademisierungswahn - Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung".

Zuletzt referierte er bei einer Bildungstagung des Europäischen Forum Alpbach in Innsbruck.

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Dokument erstellt am 2014-11-24 16:23:05
Letzte Änderung am 2014-11-24 17:08:04


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