Rund zehn Prozent des weltweitenSeehandels gehen aktuell durchden Suez-Kanal. reuters
Rund zehn Prozent des weltweitenSeehandels gehen aktuell durchden Suez-Kanal. reuters

Kairo/Wien. Noch herrscht Probebetrieb auf der einzigen Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer. Nur vereinzelt schippern Schiffe die 72 Kilometer der neu ausgebauten Strecke des Suez-Kanals entlang. Doch schon ab nächster Woche soll der Vollbetrieb starten, freilich nicht ohne pompöse Eröffnung. Immerhin ist der Ausbau des Suez-Kanals eines der Prestigeprojekte der ägyptischen Regierung. War der Kanal schon bisher wichtig für die Staatseinnahmen und den Nationalstolz der Ägypter, so soll seine Bedeutung künftig noch weiter steigen. Der Schiffsverkehr ist dann praktisch über die gesamte Strecke in beiden Richtungen möglich, fortan sollen statt 49 täglich 97 Frachter den Kanal passieren. Und deren Wartezeit sich von durchschnittlich elf auf drei Stunden verkürzen.

Bereits heute ist der Kanal, über den Öl, Lebensmittel oder Erze ohne den Umweg rund um den afrikanischen Kontinent transportiert werden, ein sehr wichtiger Devisenbringer für Ägypten. Fünf bis sechs Prozent der ägyptischen Staatseinnahmen des 87-Millionen-Einwohner-Landes speisen sich aus ihm. Die Regierung setzt große Hoffnungen in den ausgebauten Kanal. Sie erwartet, dass sich die Einnahmen aus ihm bis 2023 mehr als verdoppeln. Bringt der Kanal aktuell rund 5 Milliarden Dollar jährlich, so soll er in acht Jahren 13 Milliarden Dollar in die Staatskasse spülen.

Skepsis bei Experten


Beobachter sehen die hochtrabenden Ankündigungen der Regierung aber skeptisch. "Worauf diese Berechnungen fußen, ist völlig unklar", sagt Stephan Roll, Ägypten-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin zur "Wiener Zeitung". Man könnte nicht automatisch annehmen, dass alleine wegen der Erweiterung des Kanals diesen plötzlich doppelt so viele Schiffe nutzen, warnt der Experte. Viele Faktoren seien unberücksichtigt. "Das ist eine Rechnung, die so wohl nicht aufgeht."

Völlig offen ist etwa, wie sich die angespannte Sicherheitslage in der Region auf den Schiffsverkehr auswirkt. In der Vergangenheit gab es bereits einen Anschlag auf den Suez-Kanal. Dieser richtete zwar keinen großen Schaden an, aber weitere Angriffe durch Extremisten sind nicht auszuschließen. "Bei der Dichte an Anschlägen, die wir momentan in Ägypten sehen, wäre der Suez-Kanal natürlich ein sehr attraktives Ziel", sagt Roll. Das, aber auch die instabile Lage im Jemen, die die Schifffahrt durch die Meerenge Bab al-Mandab, der Einfahrt ins Rote Meer, unsicherer macht, werde "nicht zu unterschätzende Auswirkungen" auf die Routenplanung internationaler Reedereien haben.