Wien. (kle) "Die Armut wird wieder steigen, das kann nicht die Lösung sein", betont Wolfgang Eder. Der Vorstandschef des weltweit tätigen Linzer Stahltechnologiekonzerns Voestalpine erklärt dies mit Blick auf die internationalen Handelsströme, die derzeit durch die protektionistische US-Politik einer "massiven Veränderung" ausgesetzt seien. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen - etliche Länder haben bereits mit Gegenmaßnahmen reagiert - sieht Eder den freien Handel als Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand gefährdet.

Alles in allem verteuere sich der globale Handel. "Für den Endkunden wird es nicht billiger", so der Spitzenmanager am Montag im Klub der Wirtschaftspublizisten. Der Merkantilismus des 17. und 18. Jahrhunderts sei jedenfalls keine Lösung. Die Zukunft könne nur in einer "barrierefreien Weltwirtschaft" liegen, in "fairen und möglichst einheitlichen Bedingungen für alle Marktteilnehmer", sagt Eder.

Der EU wirft der Top-Manager indes vor, dass sie sich im internationalen Handelsstreit "kleiner macht, als sie ist". Eder kritisiert vor allem die Vorstöße einzelner EU-Mitgliedstaaten, sich mit US-Präsident Donald Trump bilateral zu arrangieren. "Würde man sich international als ,Europäische Union‘ verkaufen und dabei groß und einheitlich auftreten, wäre man der potenteste Wirtschaftspartner der Welt", gibt Eder zu bedenken.

Bekenntnis zu Großbritannien

Zum Handelsstreit zwischen den USA und China meint der Voestalpine-Boss, dass China wohl "großes Interesse" daran habe, wieder zu einer handelspolitischen Vereinbarung zu kommen. Vor allem deshalb, weil es am kürzeren Ast sitze. Für China seien die Möglichkeiten, auf die USA zu reagieren, relativ gering, so Eder.

Zuletzt hat die Voestalpine die Auswirkungen der US-Handelspolitik mehr auf den Weltmärkten als direkt in den USA, wo sie mit eigenen Werken vor Ort ist, zu spüren bekommen. Diese seien aber überschaubar, beschwichtigt Eder. Dramatisches sei keinesfalls zu erwarten. Laut Eder ist die Prognose, wonach die Voestalpine im Geschäftsjahr 2018/19 (per Ende März) auf einen - unter dem Rekord von 2017/18 liegenden - operativen Gewinn von "etwas unter einer Milliarde Euro" zusteuert, nach wie vor aufrecht.

Unterdessen will der Konzern, der mit weltweit rund 52.000 Mitarbeitern zuletzt die höchste Beschäftigung in seiner Geschichte hatte, weiterhin in Großbritannien bleiben - unabhängig vom Ausgang des dortigen Brexit-Prozesses. "Für uns ist das ein kleiner, aber feiner Standort", unterstreicht Eder. "Die Frage ist: Bleiben wir bei dem, was wir dort haben, oder bauen wir weiter aus?" In Großbritannien hat die Voestalpine knapp 700 Mitarbeiter an zehn Standorten (darunter vier Werke), der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 300 Millionen Euro, zwei Prozent des Konzernumsatzes.

Wasserstoff-Pilotanlage in Linz

Zum brisanten Thema CO2-Emissionen - im polnischen Kattowitz findet derzeit die Weltklimakonferenz statt - meint Eder, dass Europas Stahlindustrie eine Dauerdiskussion über permanente Verschärfungen nicht aushalten werde. Es brauche endlich klare Rahmenbedingungen. In Österreich sei die Voestalpine für die Hälfte des industriellen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Zur Vorstellung, die Emissionen im Vergleich zu heute um 30 bis 50 Prozent senken zu können, meint Eder: "Vor 2040 sicher nicht." Zum 80-Prozent-Ziel der EU sei er überhaupt "skeptisch - es sei denn, man stellt uns 50 Prozent des österreichischen Strombedarfs zur Verfügung".

Indes forscht die Voestalpine intensiv an umweltfreundlicheren Technologien. Im Frühling nimmt der Konzern an seinem Hauptsitz in Linz eine Wasserstoff-Pilotanlage in Betrieb. Dabei soll untersucht werden, inwieweit Wasserstoff den Einsatz von Kohle und Koks in der Stahlproduktion ersetzen kann.