Der französische Ökonom Thomas Piketty blickt als einer der wenigen seiner Zunft mehr als 30 Jahre voraus. Dem Autor des Bestsellers "Das Kapital im 21. Jahrhundert" wurde vorgeworfen, in seinem Befund mit ungenügenden Zahlen gearbeitet zu haben. Gemeinsam mit Forscherkollegen hat Piketty heuer wohl auch deshalb eine neue Studie mit weiteren Quellen veröffentlicht. Der Befund blieb gleich: Seit 1980 hat die weltweite Ungleichheit zugenommen. Und sie wird stärker, wenn nichts dagegen unternommen wird.

Die Reichen werden reicher

Global betrachtet gibt es Unterschiede: Laut Befund besitzen die obersten 10 Prozent in Europa heute 37 Prozent des Gesamteinkommens. 61 Prozent sind es im Nahen Osten. Gravierender ist die Schere zwischen Arm und Reich in den USA. Dort hat sich seit 1980 der Anteil des reichsten Prozents am Gesamtvermögen beinahe verdoppelt, die ärmere Hälfte hat sich fast halbiert. Geht es weiter wie bisher, wird der Anteil der weltweit reichsten 0,1 Prozent am Weltvermögen im Jahr 2050 so hoch sein wie der Vermögensanteil der globalen Mittelschicht (etwa 40 Prozent aller Menschen), prophezeien die Studienautoren. Krisen und politische Interventionen ausgenommen.

Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), überrascht der Befund nicht. Der Gesellschaft gehe es im Durchschnitt weltweit zwar "besser" als noch vor 20 Jahren, aber die Ungleichheit in den Ländern habe zugenommen. Die Gründe: Die Einkünfte aus Kapital, etwa Aktiengewinne, wachsen stärker als Löhne, und große Vermögen werden flotter größer, weshalb Reiche die anderen abhängen. Auch die Erbschaften werden weiter ansteigen. Hinzu kommt die Globalisierung, die dazu geführt hat, dass besser Ausgebildete stärker profitieren, was sich weiter vererbt und sich durch die Digitalisierung noch verstärken dürfte. "Kommt kein Börsencrash oder Krieg dazwischen, dann wird sich der Trend fortsetzen", sagt Kocher. Viele Ökonomen seien der Meinung, dass nur Kriege eine Angleichung mit sich bringen würden, weil dabei viel Vermögen zerstört werde. Es sei eine politische Frage, Wege gegen die Ungleichheit zu finden. Das könnten Steuern sein. Aber auch Investition in eine inklusivere Bildung. Letzteres dürfte wohl die beste Versicherung gegen Armut und sozialen Abstieg bleiben. Neue Zeiten, alte Lösungsansätze.