"Wir brauchen noch viel mehr Europa": ÖBB-Vorstandschef Andreas Matthä will national und international faire Wettbewerbsbedingungen für die Bahnunternehmen. - © apa/Robert Jäger
"Wir brauchen noch viel mehr Europa": ÖBB-Vorstandschef Andreas Matthä will national und international faire Wettbewerbsbedingungen für die Bahnunternehmen. - © apa/Robert Jäger

Wien. (ede) Mit bis zu 10.000 PS durch Österreich: Lokführer ist ein Arbeitsplatz mit viel Verantwortung - und Zukunft. Die Österreichischen Bundesbahnen bieten in den nächsten fünf bis sieben Jahren aufgrund der Pensionierung von einem Viertel der Mitarbeiter rund 9000 Menschen einen Job an. Als Lokführer, Fahrdienstleiter, Verschieber, Zugbegleiter und Busfahrer.

Im vergangenen Jahr sind rund 1000 ÖBBler in den Ruhestand getreten. Die Pensionierungswelle, die jetzt anrollt, werde 2023 mit fast 1800 Personen ihren Höhepunkt erreichen, heißt es seitens des Unternehmens.

Auch die privaten Güterbahnen brauchen Verstärkung, vor allem in den Berufen Lokführer, Wagenmeister und Verschieber. Mit der Initiative "Komm zum Zug", die von der Cargo Service GmbH, der European Locomotive Leasing Austria GmbH, der Graz-Köflacher Bahn und Busbetrieb GmbH und elf weiteren Unternehmen ausgeht, soll nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei ältere Berufsumsteigern Interesse geweckt werden.

Pendler stürmen Züge

Die ÖBB wollen alleine heuer 460 Lokführer aufnehmen, trotz zunehmender Automatisierung, sagte ÖBB-Vorstandschef Andreas Matthä am Mittwoch vor Journalisten und gab einen neuen Fahrgastrekord bekannt: Mehr als 250 Millionen Passagiere zählte die Bahn im vergangenen Jahr, Zuwächse wurden sowohl im Nahverkehr, "wo die Pendlerinnen und Pendler die Züge stürmen", als auch im Fernverkehr erzielt.

Alle drei ÖBB-Teilkonzerne - Personenverkehr, Rail Cargo Austria und Infrastruktur - hätten positive Ergebnisse geschrieben, gab Matthä bekannt. Die Bahn wolle aber nicht "in satter Zufriedenheit" schwelgen, denn der Wettbewerb werde zunehmen. "Wir haben uns ein Fitnessprogramm von oben bis unten verordnet", so Matthä. Als Arbeitstitel wurde "Nordstern" gewählt - als Symbol für Orientierung. Alle Konzerngesellschaften sollen auf ihre Wirtschaftlichkeit hin durchleuchtet werden.

Im Güterverkehr sei das Ergebnis nur knapp positiv gewesen, berichtete Matthä. Die Margen-Entwicklung sei nach wie vor nicht zufriedenstellend. Der Bahn-Chef wies einmal mehr auf unfaire Wettbewerbsbedingungen zwischen Schiene und Straße hin. Trotz CO2-freier Stromerzeugung gebe es keine Ökostromförderung für Bahnstrom-Kraftwerke, und Österreichs Bahnunternehmen würden die höchste Energieabgabe im gesamten EU-Raum zahlen. Zudem bräuchten Bahnunternehmen für jedes Land eine eigene Sicherheitszulassung und Genehmigung, Lkw könnten europaweit zugelassen werden. Matthä fordert daher nationale und internationale Anpassungen: Einen Zug durch Europa zu fahren, müsse so leicht werden wie mit einem Lkw. "Wir brauchen noch viel mehr Europa", betonte er.

In Österreich liege der Marktanteil der Schiene derzeit bei 30 Prozent, in Europa seien es 18 Prozent. Bis 2030 werde der Güterverkehr in der EU um 30 Prozent wachsen, die ÖBB müsse sich daher auch in diesem Bereich mehr anstrengen.

Bei Kundenzufriedenheit top

Bei der Kundenzufriedenheit liegen die ÖBB im EU-Vergleich an erster Stelle, freut sich Matthä. Er ließ aber auch durchblicken, dass es noch besser gehen könnte. Ein Ziel sei etwa, Kunden das Lösen von Tickets "mit einem Wisch" am Handy möglich zu machen.

Der Rechnungshof (RH) hatte im Dezember 2018 Kritik am Tarifdschungel im öffentlichen Verkehr geübt. Durch die hohe Komplexität und die vielen Ermäßigungsvarianten und Zusatzfunktionen sei der ÖBB-Ticketshop überfrachtet. Dem für die ÖBB zuständigen Verkehrsministerium von Norbert Hofer (FPÖ) empfahl der RH, auf eine Vereinfachung der Tarifstrukturen im öffentlichen Verkehr hinzuwirken - eine Empfehlung, der sich die ÖBB anschlossen.