Wien. Einmal Chemiker, immer Chemiker. Wenn es zum Beispiel um das Recyceln von Plastik geht, ist der Vorstandsvorsitzende des heimischen Mineralölriesen OMV, Rainer Seele, wieder in seinem Element. Wieder im Hörsaal, mit dem Periodensystem vor dem geistigen Auge, wo er mit Leidenschaft über jungfräuliches Rohöl und Polyethylen doziert.

Den Hörsaal hat er längst verlassen. Er sitzt heute im 21. Stock der OMV-Zentrale in Wien. Von da oben sieht die Welt anders aus. Da ist der Gegenwind wegen der guten Beziehungen zu Russland und der Pipeline Nord Stream 2 vielleicht nicht ganz so stark. Nur der Klimawandel macht auch vor dem traditionsreichen Ölkonzern nicht halt. Die OMV wappnet sich für neue, emissionsfreiere Zeiten und will künftig weniger verbrennen und mehr veredeln.

"Wiener Zeitung": Herr Seele, mögen Sie eigentlich heiße Sommer?

Rainer Seele: Klar!

Ich frage deswegen, weil dieser besonders heiße Sommer zumindest ein kleines Stückchen zu Ihrem Rekordgewinn von zwei Milliarden Euro beigetragen hat . . .

Sie sprechen natürlich die niedrigen Wasserpegel der Flüsse an. Sie haben zu einer Verknappung des Energieangebotes geführt und dementsprechend haben wir als OMV davon profitiert. (Im Sommer 2018 mussten wegen niedriger Wasserführung und Windstille immer wieder Gaskraftwerke hochgefahren, Anm.) Ich betrachte das aber als Ausnahmesommer.

Sie haben wiederholt die Klimastrategie der Regierung kritisiert. Was genau stört Sie daran?

Wir hatten ein Interesse daran, dass man einzelne Primärenergieträger nicht diskriminiert. Wir unterstützen die Klimastrategie der Bundesregierung und haben den Beschluss gefasst, dass wir Heizöl in den Haushalten mit Ende des Jahres nicht mehr fördern werden. In Zukunft setzen wir am Wärmemarkt verstärkt auf Erdgas. Wir sehen nicht nur eine bessere CO2-Bilanz, Erdgas erzeugt auch keinen Feinstaub. Die OMV wird mehr zu einer Gas- statt zu einer Ölfirma werden.

Wo sehen Sie Gas und Öl in einer zukünftigen, CO2-neutralen Welt?

Der primäre Energiemix wird sich deutlich verschieben. Nehmen wir mal das Thema Erdgas: Es hat ein wesentlich größeres Potenzial in der Stromerzeugung, und da setzen wir auf einen Trend, den wir in Europa schon sehr deutlich erkennen können. Nämlich, dass ein Ersatz der Kohle durch Erdgas stattfindet. Kurzfristig kann ich mir vorstellen, dass Erdgas auch bessere Chancen in der Mobilität erhält. Wir erleben derzeit eine Verunsicherung der Verbraucher, insbesondere was das Diesel-Fahrzeug betrifft. Deswegen versuchen wir stärker auf die Erdgasmobilität hinzuweisen. Das ist eine Überbrückung, weil der Käufer nicht in einem ausreichenden Maße Elektromobilität angeboten bekommt. Die Automobilkonzerne bereiten sich aber darauf vor. Mittel- und langfristig wird die Nachfrage nach Benzin und Diesel zurückgehen. Deshalb müssen wir uns unter Berücksichtigung der Klimastrategie die Frage stellen, was die Alternative zur Produktion von Benzin und Diesel ist. Wir werden das Öl mehr veredeln und weniger verbrennen, das heißt, in der Petrochemie einsetzen.