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Wien. (dg) Bisher galt, zumindest wissenschaftlich gesehen: Wenn die Geburtenrate sinkt, steigt das Wirtschaftswachstum, weil dann der Anteil erwerbstätiger Menschen an der Bevölkerung steigt. Dieser Zusammenhang scheint aber nicht ganz richtig, wie eine Studie aus Österreich nun nahelegt. Investitionen in Bildung haben einen größeren Einfluss auf das BIP, als nur die Geburtenrate eines Landes.

Forscher der Wirtschaftsuniversität Wien, des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (WU, IIASA, VID/ÖAW) und der TU Wien haben die Faktoren der sogenannten "demografischen Dividende" genauer untersucht. "Bislang ging man davon aus, dass die niedrigen Geburtenzahlen per se und die dadurch verhältnismäßig höhere Erwerbstätigkeit zu wirtschaftlichem Aufschwung führen. Wir sehen aber, dass nicht die niedrige Kinderzahl, sondern ein steigendes Bildungsniveau entscheidend für das spätere Wirtschaftswachstum ist", wird Studienleiter Jesus Crespo Cuaresma in einer Aussendung zitiert.

Bildung entscheidet

Die Ergebnisse zeigen: Bei Bevölkerungen mit sehr niedrigem Bildungsniveau können sinkende Gebrutenraten bei gleichbleibenden Investitionen sogar negative Folgen für das Wirtschaftswachstum haben. Umgekehrt profitieren Gesellschaften von sinkenden Geburtenraten mehr durch gut gebildete Erwerbstätige. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die makroökonomische Rendite von Investitionen in Bildung sehr groß sein kann", so der Forscher.

Das zeige sich im Modell anhand des Vergleichs von Nigeria und Südkorea. Im ersten Land wäre das BIP pro Kopf, laut Studie, um bis zu 65 Prozent höher, hätte der Staat bei sinkender Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten die gleichen Bildungsinvestitionen wie Südkorea getätigt.

In den vergangenen Jahrzehnten haben zahlreiche Entwicklungsländer familienpolitische Maßnahmen umgesetzt, um die Geburtenrate zu senken. In Bildung wurde hingegen nicht, oder nur wenig investiert. Das sei laut Studie wenig zielführend gewesen. Denn ohne entsprechende Bildungsoffensiven für eine breite Bevölkerungsschicht, würde auch das Wirtschaftswachstum nicht angekurbelt. Für die Studien haben die Forscher Daten aus über 160 Staaten in der Periode zwischen 1980 und 2015 untersucht.

Der Effekt wird dadurch erklärt, dass gebildetere Eltern mehr in die Bildung ihrer Kinder investieren. Das wiederum führt dazu, dass die Kinder später in qualifizierteren Jobs tätig sind und damit naturgemäß das BIP ankurbeln. Hier spielen vor allem die Mütter eine wichtige Rolle. Deren Bildungsniveau habe stärkere Auswirkungen auf den späteren Bildungsweg der Kinder.

Die Ergebnisse sollen keine familienpolitischen Maßnahmen zur Senkung der Geburten in Frage stellen, so die Autoren. Allerdings werde deren Effekt auf das BIP relativiert. Investitionen im Bildungsbereich seien hingegen wesentlicher.

Andere Studien der vergangenen Jahre legen zum Beispiel nahe, dass die Geburtenrate mit steigendem Bildungsgrad der Frauen sinkt. In Österreich bekommt eine Frau im Durchschnitt mit 29,2 Jahren ihr erstes Kind. Die Geburtenrate beträgt 1,5 Kinder, wobei Akademikerinnen eher weniger Kinder bekommen.