Wien. Seit Mittwochmorgen können Investoren eine 100-jährige Staatsanleihe der Republik Österreich erwerben. Der Zinssatz dafür liegt bei 2,1 Prozent, wie die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA) bestätigte. Sich auf 100 Jahre zu verschulden und dafür nur 2,1 Prozent Zinsen zu bezahlen ist mutig. Und nur dank des nach wie vor sehr niedrigen Zinsniveaus möglich.

Schon im September 2017 hat Österreich als erstes Land eine syndizierte, fixverzinste 100-jährige Anleihe begeben. Die Rendite lag zuletzt bei 1,44 Prozent. Im aktuellen Fall handelt es sich um eine Aufstockung der bestehenden Anleihe - und zwar um 3,5 Milliarden Euro, so die OeBFA. Neu hinzu kommt eine fünfjährige Anleihe mit einem Volumen von drei Milliarden Euro. Diese ist mit einem Negativzinssatz von minus 0,44 Prozent ein ziemlich gutes Geschäft für den Bund, weil er quasi Geld fürs Verschulden bekommt.

Österreich ist nicht das einzige Land, das 100-jährige Schuldtitel begibt. Auch Irland und Belgien taten das in den vergangenen Jahren. Im Gegensatz zum österreichischen Papier wurden diese aber direkt an private Investoren angeboten und nicht öffentlich auf dem Anleihenmarkt gehandelt. Außerdem war das Volumen mit je 100 Millionen deutlich kleiner.

100-jähriger Schuldschein
birgt auch Risiken

Für Kleinanleger ist das 100-jährige Papier freilich nichts. Bei der ersten Auflage 2017 schlugen vor allem Pensions- und Versicherungsfonds sowie ein paar Zentralbanken zu. Private Investoren gab es nur wenige. Erstere sind aufgrund der strengen regulatorischen Vorschriften verpflichtet, das Geld ihrer Kunden konservativ anzulegen, also unter anderem in Staatsanleihen.

Es braucht viel Selbstvertrauen, sich auf 100 Jahre zu verschulden, und viel Vertrauen, solche Schuldtitel zu kaufen. Trotz der niedrigen Zinsen ist das Geschäft mit den sogenannten Methusalem-, also langfristigen Papieren nicht risikofrei für Investoren. Immerhin war Österreich in seiner gut 100-jährigen Republiksgeschichte im Zuge zweier Weltkriege schon zwei Mal pleite.

Wer aber noch eine Rendite auf sein Investment bekommen möchte, muss langfristig anlegen. Für kurzfristige Anleihen zahlt man sogar Negativzinsen: für die zehnjährige Staatsanleihe aktuell minus 0,03 Prozent, für die fünfjährige sogar minus 0,44 Prozent.

Hatte der durchschnittliche Effektivzinssatz für Bundesanleihen 2009 noch 4,17 Prozent betragen, sind es heute laut OeBFA nur mehr 2,08 Prozent. So viel kostet es den Bund also im Durchschnitt, sich zu verschulden. Bis zum Jahr 2117, dann wird die 100-jährige Anleihe fällig, rechnet die OeBFA mit einer kumulierten Zinsersparnis von 68,7 Milliarden Euro. Es könnten aber auch mehr werden, sollten die Zinsen weiterhin so niedrig bleiben.

Billiges Geld dank
EZB-Zinspolitik

Für Schuldner ist das gut, für die Anleger weniger. Verantwortlich dafür ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). EZB-Chef Mario Draghi hat zudem vergangene Woche diese Entwicklung mit einer vieldeutigen Aussage befeuert: Wenn die Konjunktur und Inflation im Euroraum nicht wieder anziehen, brauche es "zusätzliche Stimuli", wie er sagte. Diese zusätzlichen Stimuli könnten eine weitere Zinssenkung oder eine Neuauflage des ausgelaufenen Anleihenkaufprogramms der EZB sein, dem sogenannten Quantitative Easing. Der Leitzinssatz für die Eurozone liegt seit März 2016 auf einem Rekordtief von null Prozent. Und er dürfte zumindest bis Jahresende unangetastet bleiben.

Laut dem Institut of International Finance sind weltweit Wertpapiere in der Höhe von 12 Billionen Dollar negativ verzinst. Und trotzdem sind Staatsanleihen hoch im Kurs (siehe Grafik). Anleger nehmen bereitwillig Verluste in Kauf, wenn sie Regierungen Geld borgen. Manchen Finanzexperten bereitet diese Entwicklung sorgen, sie warnen vor der nächsten Schuldenblase. Für Unternehmen sind die relativ sicheren Staatsanleihen eine günstige Alternative zum Eigenkapital. Die Befürchtung dabei ist, dass die günstig aufgenommenen Kredite nicht in Investitionen fließen.