Wien. (apa/sir) Eine bevorstehende Wahl bedeutet auch: Interessengruppen deponieren ihre Wünsche an die Politik. Ein fast vor jeder Wahl auftauchender Wunsch ist der aus dem Einzelhandel hinsichtlich der Sonntagsöffnungszeiten. Allerdings gibt es nicht den Einzelhandel.

Konkret forderten am Dienstag der Handelsverband und die Shoppingcenterbetreiber Änderungen bei den Sonntagsöffnungszeiten. Der Handelsverband, dem in erster Linie mittlere bis größere Filialunternehmen angehören, wendet sich dabei vor allem gegen den "Bürokratiedschungel" mit rund 60 Ausnahmeregeln zur Sonntagsarbeit. Die Fachvereinigung für Einkaufszentren ACSC hofft auf mehr Ausgaben von Touristen und eine Aufwertung gegenüber dem Onlinehandel, heißt es in Aussendungen am Dienstag.

Dem gegenüber steht jedoch der Fachverband Handel in der Wirtschaftskammer. Dieser ist gegen eine Ausweitung der derzeitigen Regel. "Die Freigabe der Sonntagsöffnung ist nicht in unserem Sinne und nicht im Sinne der Unternehmen", sagt Peter Buchmüller, der Branchenobmann und selbst Eigentümer von zwei Lebensmittelgeschäften in Salzburg ist.

Mehr als 90 Prozent der Unternehmen wollen die allgemeine Ausweitung der Sonntagsöffnung nicht, so Buchmüller. Einziger Wunsch wäre eine Tourismusregelung in Wien, wie es sie in vielen Gemeinden gibt. Denn hier gehe dem Land Kaufkraft der Touristen verloren. Auch dort, wo es Öffnung in Tourismusgemeinden gibt, "wehren wir uns ja nicht". Wenn dort Händler aufsperren wollen, "dann ist es auch in unserem Sinne".

Sonntagszuschläge mit 100 Prozent sind "unfinanzierbar"

Buchmüller selbst hat vor einem Jahr einen Vorstoß gemacht, sechs fixe Sonntage im Jahr für den Handel freizugeben. Allerdings habe er dafür keine Mehrheit unter seinen Mitgliedsbetrieben, und auch von der Politik habe es eine kategorische Ablehnung gegeben. Grundsätzlich "unfinanzierbar" wäre es, die Sonntage mit 100-prozentigem Zuschlag sowie einem freien Tag zu versüßen und dann auch noch auf Freiwilligkeit zu setzen.

Erst in der Vorwoche hat Buchmüller die aktuellen Zahlen aus der Branche präsentiert. Diese kann zwar insgesamt auf recht positive Ergebnisse verweisen, so liegt der Gewinn mit 3 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt. Und auch die Eigenkapitalquote hat sich insgesamt verbessert. Allerdings gibt es im Handel große Unterschiede. Dies ist auch ein Grund, warum mit einer Öffnung am Sonntag nicht alle Betriebe eine Freude hätten.

Die Personalkosten betragen durchschnittlich 16,8 Prozent, also ein Sechstel der Gesamtkosten. Da aber in einzelnen Sparten, etwa bei Lebensmittel, Drogeriewaren und im Schuhhandel die Renditen unter 2 Prozent liegen, ist naheliegend, dass eine Sonntagsöffnung unter den gegenwärtigen Bedingungen, einem 100-Prozent-Aufschlag beim Lohn, kaum ein gutes Geschäft wäre. "Es sind nur Einzelne, die sich ein Geschäft erwarten", so Buchmüller.

Die Shoppingcenterbetreiber glauben durch eine begrenzte Zahl von Sonntagsöffnungen mehr Fairness, mehr Arbeitsplätze, mehr Wertschöpfung in Österreich und eine Attraktivierung der Stadt- und Ortskerne zu erreichen, zumal auch die Zahl der Gastronomie- und Freizeitangebote in Shopping Centern zugenommen habe. Auch das "Shoppingerlebnis" werde immer mehr als Freizeitbeschäftigung verstanden und mit einem Restaurant-, Kino, Fitnesscenter-, Bowling-Besuch etc. kombiniert. Am Sonntag sei dies aber nicht möglich, kritisiert die ACSC. •