Wer hat das letzte Wort: der Markt oder die Geldpolitik?

Für die Notenbanken erleben wir im Moment die konkrete Debatte darüber, wie weit sie den Erwartungshaltungen der Märkte folgen oder wie weit sie die Erwartungen der Märkte selbst bestimmen sollen. Aus meiner Sicht sind wir in den vergangenen Jahren vielleicht zu intensiv den Erwartungen der Märkte gefolgt und haben es vermieden, diese auch zu enttäuschen. Ich bin der Auffassung, dass Notenbanken die entscheidende Institution sein sollen, die von daher auch manchmal Märkte enttäuschen müssen.

Ist der Euro bereits reif für neue Mitgliedstaaten, oder sollte die Eurozone nicht zuerst ihre internen Baustellen bereinigen?

Vertraglich besteht für alle EU-Staaten die Pflicht, den Euro zu übernehmen, es sei denn, sie haben vertragliche Ausnahmen wie Dänemark und Großbritannien. Derzeit streben Bulgarien und Kroatien den Euro-Beitritt an. Dabei sollte es aber nicht nur um die formalen Kriterien gehen, die sich im Wesentlichen auf den Finanzbereich beziehen, sondern vor allem auch die nachhaltige Durchhaltefähigkeit berücksichtigen, also die "Sustainability". Da geht es etwa auch um die langfristige Stabilität des Bankensektors, was insbesondere für Bulgarien ein Thema ist, obwohl das Land formal bereits alle Kriterien erfüllt.

Also lieber nicht überstürzen?

Ich verhehle nicht, dass ich angesichts mancher Erfahrungen aus der Vergangenheit hier sehr vorsichtig bin.

Wie gut weiß die internationale Bühne tatsächlich über Österreich Bescheid? Am Höhepunkt der Finanzkrise prophezeite Nobelpreisträger Paul Krugman in seiner Kolumne in der "New York Times", dass Österreich der nächste Pleitekandidat sei. Das hat sich dann doch als falsch herausgestellt. Weiß man jetzt genauer Bescheid über die Stärken und Schwächen Österreichs?

Wir sind ein kleines Land und stehen von daher natürlich nicht im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit, was allerdings auch Vorteile haben kann. Als Nationalbank-Gouverneur habe ich es immer als eine meiner Aufgaben betrachtet, Marktteilnehmer, insbesondere Ratingagenturen und internationale Institutionen korrekt und seriös über die wirtschaftliche Lage Österreichs zu informieren. Wir sind in einer guten Position, weshalb wir ja auch eine 100-jährige Anleihe herausgeben können, die noch dazu mehrfach überzeichnet war. Das ist ein großer Vertrauensbeweis. Damals jedoch, als es 2009 zu einer großen Krise kam, die auch Osteuropa in Mitleidenschaft zog, hat sich gezeigt, dass wir Informations- und Aufklärungsbedarf hatten. Mit der "Vienna Initiative" von Notenbanken, EU und anderen Institutionen ist es uns gelungen, die kritische Situation erst zu stabilisieren und schließlich zu überwinden. Heute ist Osteuropa wieder ein Wachstums- und Profitabilitätszentrum für die heimischen Banken.

Sie wollen nach Ihrem Ausscheiden aus der Nationalbank ein Buch schreiben. Worum wird es gehen?

Ich habe in meinem Leben viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln können, im akademischen Bereich, in der Politik, in Geschäftsbanken und zuletzt als Notenbanker. Mich reizt, diese doch sehr unterschiedlichen Bereiche auf ihre Entscheidungsstrukturen zu analysieren. Aber das ist erst ein Vorhaben, noch ist keine einzige Zeile geschrieben.