Wien/Frankfurt. "Andere Fragen als noch vor zehn Jahren" sieht der scheidende Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Ewald Nowotny (75), auf dem Tisch der europäischen Währungspolitik. "Von daher würde es mich nicht verwundern, wenn Christine Lagarde ihren Amtsantritt als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank mit einem Neudenken und Überprüfen der bisherigen Grundannahmen beginnt." Das erklärt Nowotny im Abschiedsinterview mit der "Wiener Zeitung".

Im Fachjargon der Notenbanken nennt man einen solchen Prozess "Policy Review", der letzte solche Schritt erfolgte in der EZB im Jahr 2003. Anlass sind die erheblichen Tendenzen zu einem starken Abwärtstrend bei der natürlichen Inflationsrate. Dabei solle es, so Nowotny, nicht zuletzt um die Frage der Effektivität der EZB-Instrumente gehen sowie etwa um allfällige Nebenwirkungen negativer Einlagenzinsen.

Die Notenbanken sieht der scheidende OeNB-Gouverneur mitten in einer Debatte, wie weit sie die Erwartungshaltungen der Märkte selbst bestimmen sollen. "Aus meiner Sicht sind wir in den vergangenen Jahren vielleicht zu intensiv den Erwartungen der Märkte gefolgt und haben es vermieden, diese auch zu enttäuschen. Ich bin der Auffassung, dass Notenbanken die entscheidende Institution sein sollen, die von daher auch manchmal Märkte enttäuschen müssen."

Am 31. August endet nach 11 Jahren Nowotnys Zeit an der Spitze der Nationalbank. Mit 1. September übernimmt der Wirtschaftswissenschafter Robert Holzmann (70) das Ruder. Nowotny dagegen freut sich darauf, dass er ab dann "wieder wilder denken kann".

"Wiener Zeitung": Noch EZB-Präsident Mario Draghi hat auf den letzten Metern seiner Amtszeit ein neues Schlüsselwort kreiert. Die EZB müsse für "Symmetrie" sorgen, so Draghi, da eine zu niedrige Inflation genauso ein geldpolitisches Problem darstelle wie eine zu hohe Inflation. Dagegen werden die meisten Ökonomen wenig einzuwenden haben. Das Problem ist, dass die Märkte dies sofort als Hinweis gelesen haben, dass die EZB ihre Krisenpolitik auf absehbare Dauer fortsetzen werde. Damit bindet Draghi natürlich auch seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

Ewald Nowotny: Man muss das differenziert sehen. Zum einen definiert die EZB Preisstabilität bekanntlich so, dass die Inflation nicht über, aber knapp bei 2 Prozent über die mittlere Frist liegen soll. Eine gewisse Flexibilität haben wir also auch jetzt schon. Draghis Diskussion über Symmetrie geht meiner Ansicht nach jedoch weiter, nämlich als Ankündigung, dass wir eine Inflation über der 2-Prozent-Marke auch längerfristig haben, wenn zuvor über eine ebenfalls längere Zeit eine niedrigere Inflation bestand. Das ist dann doch etwas anderes als ein Korridor.

Ein solcher Korridor beim Inflationsziel wäre demnach nicht neu?

Nein, das halten etliche Notenbanken bereits jetzt schon so, etwa die tschechische, israelische oder schwedische, die alle sagen, das Inflationsziel ist 2 Prozent plus/minus 1 Prozent. Eine solche Sicht würde ich unterstützen, weil es bedeutet, dass auch eine Inflation von 1,6 Prozent innerhalb der angestrebten Bandbreite liegt und deshalb keine geldpolitischen Maßnahmen erfordert. Draghi dagegen interpretiert "Symmetrie" so, dass niedrigere Zinsen über einen längeren Zeitraum herbeigeführt werden: "Lower for longer" heißt hier das Schlagwort. Das erachte ich tatsächlich als problematisches Signal.