Eisenerz, Judenburg, Bruck an der Mur. Region Mur-Mürz-Furche. Sinnbild für die Schattenseiten Österreichs, Blaupause für die abgehängten Gegenden der Alpenrepublik mit alternder Gesellschaft, sterbenden Städten, und ohne Perspektive. Weit weg von den mit Pulverschnee bedeckten Skigebieten, den Genussregionen mit sanften Weinhügeln, der glitzernden Millionenmetropole Wien. Einst der Wirtschaftsmotor der Republik mit seinen stolzen Stahl- und Bergbaubetrieben ist die obersteirische Region heute Österreichs unliebsames Stiefkind. Doch wieviel von dem schlechten Ruf ist tatsächlich Wirklichkeit?

Eisenerz, ein Name aus Schweiß und Knochenarbeit. Knapp 4000 Menschen leben in dem Dorf, das einmal eine Stadt mit knapp 13.000 Einwohnern war. 40 Prozent der heutigen Bewohner sind über 65 Jahre alt, in keinem anderen Ort in Österreich ist dieser Wert höher. Die dicht aneinander gereihten Arbeitersiedlungen sind zum größten Teil nicht bewohnt, von drei Tankstellen ist nur noch eine geöffnet. An der Ortsausfahrt befindet sich eine Fabrikshalle. Seit mehr als zehn Jahren steht sie still. Das Werk produzierte Windschutzscheiben für Autohersteller. Als es 2008 schloss, war es der zweitgrößte Betrieb in Eisenerz.

Geschäftsführer Treml. - © Vasari
Geschäftsführer Treml. - © Vasari

Auch der größte Betrieb hat schon bessere Zeiten erlebt. Rot-bräunlich schimmern die 24 terrassenartigen Stufen des pyramidenförmigen Erzbergs, der sich wie ein stummer Wächter über dem Ort erhebt. Seit 1300 Jahren bestimmt sein Puls das Leben der Einwohner. Der Abbau des Eisenerzes bescherte der Region Reichtum, Stolz und Ansehen, aber auch Abhängigkeit, Verlust und Depression. Besteht nun wieder Hoffnung?

4000 Menschen arbeiteten in den 70er Jahren auf Mitteleuropas größtem Eisenerz-Tagbau. Heute sind es nur noch 230. Ein Bruchteil von damals, und doch ein Erfolg. "Die Politik stellte die Sinnfrage", sagt VA-Erzberg-Geschäftsführer Christian Treml. "Die Schließung war vorbereitet, 2002/03 sollte es soweit sein."

Treml, blaues Hemd, offenes, dunkelgraues Sakko, setzt sich einen knallgelben Bauhelm auf. "Kommen Sie mit, wir fahren eine Runde." Mit einem Geländewagen geht es bergauf. Auf einem Aussichtspunkt bleibt er stehen. Er breitet die Arme aus, als wolle er den Berg umarmen. Treml deutet auf die dritte Etage. Ein Kranbohrgerät bearbeitet den steinigen Boden. Ein Lkw steht bereit, er wird das Erz abtransportieren. "Früher war hier bedeutend mehr los", sagt Treml, der seit 12 Jahren auf dem Erzberg arbeitet. "Das war aber vor meiner Zeit."

Arbeiter vor dem Judenburger Stahlwerk in den 50ern. - © privat
Arbeiter vor dem Judenburger Stahlwerk in den 50ern. - © privat