Ist soziale Gerechtigkeit überhaupt ein Thema bei Hayek?

Mit dem Begriff hat sich Hayek sehr stark auseinandergesetzt. Der Begriff "sozial" ist für ihn ein sogenanntes Weaselword. Es bringt zum Ausdruck, dass ein Begriff keinen sinnvollen Inhalt besitzt, so, wie ein Wiesel ein Ei aussaugt - und am Ende bleibt die leere Hülle. Das Wort sozial ist ihm zutiefst zuwider gewesen. Natürlich hat er recht, dass eine klare Konkretisierung dieses Begriffes unmöglich ist. Das gilt aber auch für den Begriff der Freiheit. Dass noch nie ein Mensch in der Geschichte der Menschheit frei war, ist klar. Freiheit ist wie soziale Gerechtigkeit oder Gleichheit ein Leitstern, den man nicht erreichen kann. Der ist aber ganz wichtig für die Orientierung. Hayek hat recht, wenn er sagt, die Vorstellung vieler Linker, wir machen jetzt die ideale, die gerechte Gesellschaft, das sind unerreichbare Versprechungen, die zu autoritären Systemen verführen. Aber daraufhin das Kind mit dem Bad auszuschütten und zu sagen, in unserem Handeln brauchen wir solche Leitsterne gar nicht, ist für mich ein Unsinn. Und hat für mich auch mit der generellen Entmoralisierung des Neoliberalismus zu tun. Denn die ganz einfache Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?, ist unzulässig, verboten in dieser Weltanschauung, schließlich wird und soll uns "der Markt" führen.

Für wen ist Freiheit im Neoliberalismus?

Für Hayek ist Ungleichheit, unter dynamischen Aspekten, unter dem Aspekt der Entwicklung der Gesellschaft, etwas Gutes. Das ist auch eine Art Selektionsprozess. Da streift Hayek wie viele andere Liberale am Sozialdarwinismus an. Das liegt quasi in der Natur dieser Weltanschauung zu sagen, der Tüchtige setzt sich durch wie in der Natur - eine Fehlinterpretation von Darwin. Was man dabei unterschlägt, ist, dass Darwin genauso den Aspekt der Kooperation herausgearbeitet hat. Aber die Liberalen und die Neoliberalen haben diesen Selektionsmechanismus als etwas ganz Wichtiges erachtet, der die Gesellschaft weiterbringt.

Pflegeberufe oder unbezahlte Arbeit sind für die Gesellschaft sehr wichtig, werden aber nicht wertgeschätzt. Ungleichheit ist notwendig, um Wohlstand zu ermöglichen - das widerspricht doch dem Leitsatz "Leistung muss sich lohnen"...

Da hat die ökonomische Theorie Legitimationsmodelle bereit. Der Begriff Leistungsträger ist ja im Grunde nur die Popularisierung der Vorstellung aus der Gleichgewichtstheorie, dass jeder das verdient, was er verdient. Die Vorstellung ist, es gibt so etwas wie eine zusätzliche Produktivität. Und innerhalb dieser theoretischen Konstruktion ist klar, wenn ein Manager 300 Mal so viel verdient wie eine Altenpflegerin aus der Ost-Slowakei, dann ist eben der Beitrag des Managers zum Sozialprodukt 300 Mal so hoch. Das ist ein Zirkelschluss, man schließt aus dieser Ungleichheit, wenn jemand so viel verdient, muss er auch so gut sein. Die gesamte Gleichgewichtstheorie, die heute dominiert, die Hayek aber nur selektiv übernommen hat. Die läuft darauf hinaus, dass das was ist, gut ist.