Das Versprechen, wenn wir die Märkte nur liberalisieren, insbesondere die Finanzmärkte, wenn wir den Sozialstaat zurückfahren, dann wird eine viel dynamischere Gesellschaft und Entwicklung möglich sein, ist durch die empirische Evidenz der letzten 40 Jahre verhöhnt worden. Denn in Ländern, wo das am stärksten praktiziert wurde, etwa in Großbritannien und den USA, hat die Instabilität dramatisch zugenommen und die Ungleichheit unglaubliche Ausmaße erreicht. Und in den Ländern, die das relativ weniger gemacht haben, wie die skandinavischen Länder, schaut es viel besser aus. Diese neoliberalen Rezepte haben das Leben der meisten Menschen nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren verändert.

Wir diskutieren heute über Freiheit und denken an das nächste Schnitzel oder den Flug nach Mallorca. Was würde ein großer liberaler Denker wie Hayek dazu sagen?

Ich glaube nicht, dass Hayek über die aktuelle Debatte enttäuscht wäre. Er würde sagen: Wir Intellektuellen dürfen nicht so arrogant sein, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Freiheit bedeutet, wenn die Leute am Abend drei Stunden fernsehen und dazu zwei Flaschen Bier trinken wollen, dann ist das eben ihre Freiheit. Was an dieser Grundposition aber so naiv ist, ist, dass es die vielfältigen gesellschaftlichen Prozesse ausklammert, die Einfluss nehmen darauf, wie Lebensentwürfe entstehen.

Dahinter steht die Grundfrage: Darf der Mensch durch das System Politik die Gesellschaft verändern?

Diese Frage wurde, als ich ein junger Mensch war, in den 1950er, 60er Jahren ganz selbstverständlich mit "Ja" beantwortet. Es blieb ja nach 1945 nichts anderes über, als die Ärmel aufzukrempeln und zu sagen: Nach dieser Katastrophe schauen wir, dass das nie wieder passiert, und wir machen ein neues Europa, eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft, eine Union, einen Sozialstaat. Und die Basis eines solchen Handelns war Emanzipation und Aufklärung. Der Mensch darf über das System Politik und die parlamentarische Demokratie gesellschaftliche Prozesse mitgestalten. Und das ist der fundamentale Gegenangriffspunkt der neoliberalen Philosophie gewesen, die stattdessen die Vorstellung entwickelte, dass der Staat der Feind der Bürger ist. Das wird stark über die Steuer argumentiert. Der Staat zieht den Menschen das Geld aus der Tasche. Je weniger Staat, umso besser. Weil dann die Märkte die ökonomischen und letztlich auch die gesellschaftlichen Prozesse gestalten.

Trotz der Proteste junger Leute scheint in Politik und Gesellschaft die Meinung vorzuherrschen, so wie wir leben sei nun einmal alternativlos . . .

Man hat vor 50 Jahren nicht begriffen, dass diese Grundbotschaft, die viel Unterstützung bekam durch das Versagen der Planwirtschaft in den sogenannten sozialistischen Ländern, dass diese Liberalisierungswelle mit Entmündigung und Einschüchterung verknüpft ist. Letztlich so, wie es Thatcher auf den Punkt gebracht hat. Selbst Angela Merkel, eine vergleichsweise vernünftige Person aus meiner Sicht, spricht von "alternativlos". Selbst eine demokratisch gewählte Regierung, ein Parlament, muss sich "marktkonform" verhalten. Ja, was heißt denn das? Dahinter steckt eine Entmündigung und damit die Vermittlung einer Art Sachzwangdenken. Diese Protestbewegungen der Jungen, egal ob es vor zehn Jahren Occupy Wall Street oder jetzt Fridays for Future ist, sind, befürchte ich, verzweifelte Aufschreie gegen das Bestehende, aber ohne konkrete Gegenkonzepte. Was machen wir denn anders? Wie muss eine Welt ausschauen, in der der Klimawandel mit äußerster Konsequenz bekämpft wird? Das fehlt nach 50 Jahren Entmündigung.