Wien. Mehr als zehn Jahre nach der weltweiten Finanzkrise sind aus Sicht von FMA-Vorstand Helmut Ettl bei weitem noch nicht alle Probleme und Risiken in der Finanzmarktbranche beseitigt. Ettl schließt nicht aus, dass wieder "turbulentere Zeiten vor uns stehen", wie er am Mittwoch auf einer Konferenz der Finanzmarktaufsicht (FMA) in Wien sagte.

In Anbetracht des anhaltenden Niedrigzinsumfeldes, des weltweiten Handelsstreits, der Konflikte in der arabischen Welt, der nach wie vor bestehenden Bedrohung eines ungeordneten Brexit sowie der Krise des Multilateralismus, der von einem Multi-Nationalismus abgelöst werde, könnte sogar eine "geopolitische Rezession" ins Haus stehen, so Ettl. "Nüchtern betrachtet, spricht einiges dafür, dass die Experten, die heute bereits vor einer geopolitischen Rezession warnen, recht behalten werden."

Vor diesem Hintergrund sei es entscheidend, dass die europäische Bankenunion weiter vorangetrieben werde, um den neuen Herausforderungen entgegentreten zu können. So stellt sich Ettl beispielsweise im Bereich der Geldwäsche ein europäisches Drei-Säulen-Modell vor - bestehend aus einer "Intelligence-Einheit" zur Analyse und Strategieentwicklung, einer "Prevention-Einheit", um die Sorgfaltspflichten zur Prävention durchzusetzen, und einer "Enforcement-Einheit", die konkrete Verdachtsfälle auf Geldwäscherei ermittelt und gegebenenfalls sanktioniert.

Digitalisierung eine der größten Heraufsorderungen

Daneben wies Ettl auf die Digitalisierung als eine der größten Herausforderungen für die Finanzbrache hin. Die Regulierungsbehörde dürfe den digitalen Wandel nicht behindern, Regulierung müsse außerdem immer technologieneutral sein. Weiters dürfe der Verbraucherschutz nicht vergessen werden und die Inklusion von weniger digital-affinen Bevölkerungsgruppen in den Finanzkreislauf.

Auch Elke König, die Chefin der Bankenabwicklung in Europa (Single Resolution Fund/SRF), sieht bis zu einer vollendeten Bankenunion noch viel Arbeit auf die EU zukommen. "Ein einheitliches europäisches System zur Liquidation von Banken ist zentral", sagte König. Hier handle das US-Pendant zum SRF, die US-Einlagensicherung FDIC, bereits deutlich effizienter und könne in Europa "als Inspiration" dienen. Um in dieser Thematik weiterzukommen und für mehr Stabilität zu sorgen, müsse man sich jedenfalls europäisch aufstellen anstatt Banken jeweils nach nationalem Recht abzuwickeln, so König.

Die Vorzüge des US-Systems gegenüber dem europäischen, in dem nach der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren wesentlich schneller und entscheidungsfreudiger gehandelt wurde als in Europa, hob auch der Chef der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), Andrea Enria, am Donnerstag hervor.

So hätten die Amerikaner die Banken deutlich schneller rekapitalisiert als die EU und gleichzeitig seien wesentlich mehr Banken gestorben, was zu einer Marktbereinigung geführt habe, sagte Enria. In Europa hätten die ersten Maßnahmen nach der Krise länger auf sich warten lassen, zudem kämpfte der Kontinent mit einer wenige Jahre später folgenden Schuldenkrise. Dies sei mit ein Grund, warum die Banken in Europa den US-Banken derzeit in Sachen Profitabilität hinterherhinken würden und teilweise nach wie vor mit der Ordnung ihrer Bilanzen beschäftigt seien, sagte Enria. (apa/kle)