Die Bahn ist zum Hoffnungsträger für den Klimaschutz geworden. Zuletzt beschloss der Nationalrat eine Subvention von elf Milliarden Euro für den ÖBB-Personenverkehr. Doch reicht das? ÖBB-Chef Andreas Matthä über Wünsche an die neue Regierung, warum ein eigener Anschluss an die Seidenstraße nötig ist und neue Zugverbindungen nach Brüssel, Amsterdam und Triest.

"Wiener Zeitung": Herr Matthä, wann sind Sie zuletzt mit einem Auto gefahren, oder wurden mit einem Auto chauffiert?

Andreas Matthä: Vor fünf Minuten. Ich war gerade bei der großen Mitarbeiterveranstaltung in unserer technischen Instandhaltung-Werkstätte in Simmering. Da musste ich das Auto benutzen. Autofahren in der Stadt geht mir grundsätzlich aber auf die Nerven.

Die Nachtzüge der ÖBB fahren bis nach Hamburg (Bild) - neu ist demnächst eine Nachtverbindung nach Brüssel. - © Creative Commons/Leif Jørgensen
Die Nachtzüge der ÖBB fahren bis nach Hamburg (Bild) - neu ist demnächst eine Nachtverbindung nach Brüssel. - © Creative Commons/Leif Jørgensen

Warum haben Sie nicht die S-Bahn genommen?

Man sollte jetzt nicht zum Schienen-Guru werden. Jedes Verkehrsmittel hat sein natürliches Habitat. Bahn und Schiene ist in der Punkt-Punkt-Verbindung unschlagbar, weil sie mit wenig Energie viele Menschen bequem transportiert. In der Fläche ist aber ein Bus oder ein Auto notwendig. Es muss ja nicht gleich ein dicker Stinker sein.

Muss man Idealist sein, um das Auto stehen zu lassen und den Zug zu nehmen?

Der öffentliche Verkehr ist am attraktivsten, wenn es eine hohe Frequenz und günstige Ticketpreise gibt. Beispiele wie Wien, Vorarlberg und Tirol zeigen das. Die Öffis belasten aber die Budgets der öffentlichen Haushalte. Insofern ist es eine Balance zwischen dem, was wir gerne tun wollen, und dem, was man sich auch leisten kann. Die Mobilitätswende wird es jedenfalls brauchen.

Der Österreicher meckert gerne über die ÖBB. Die Staatsbahn hat ein schlechtes Image, ähnlich wie etwa die Lehrer. Woran liegt das?

Wir bekommen in den vergangenen Jahren immer häufiger positives Feedback. Die Österreicher sind zudem die fleißigsten Bahnfahrer in der Europäischen Union. Laut Eurobarometer ist die ÖBB jenes Bahnunternehmen mit den zufriedensten Kunden in Europa. Das freut uns sehr.

Der milliardenschwere Schuldenstand der Autobahngesellschaft Asfinag wird in Österreich kaum kritisiert, im Gegensatz zum milliardenschweren Schuldenstand der ÖBB. Wie könnte das Image der ÖBB verbessert werden?

Die Investitionen, die wir im Auftrag des Staates durchführen, sind keine Investitionen, die wir beim Fenster rausschmeißen. Es sind Investitionen in sinnvolle Infrastruktur, die weit über 100 Jahre nutzbar sein wird. Betriebswirtschaftlich investieren wir etwa in den Bau des Semmeringbasistunnels, der sich dann volkswirtschaftlich rechnet. Ein Euro Investition in den Basistunnel bringt fünf Euro Wertschöpfung. Zum einen während der Bauphase, wo es sehr viel lokale Wertschöpfung gibt - von allen am Semmering beschäftigten Tunnelbaufirmen sind zwei Drittel aus Österreich, ein Drittel ist direkt aus der Region. Zum anderen entstehen wirtschaftliche Effekte nach Inbetriebnahme durch die bessere Erreichbarkeit etwa der Obersteiermark, aber auch mit kürzeren Fahrzeiten in den Süden. Dadurch verbessert sich die Arbeitsplatzsituation in diesen Regionen.