Die Seidenstraße ist nicht nur ein Weg, sondern es gibt viele Wege. Es gibt die nördliche Route, die sich nach Duisburg und über die Südachse über Polen herunter bewegt. Es gibt die südliche Route über die Türkei und den Balkan in Richtung Budapest. Und es gibt die dritte Route, die maritime Seidenstraße, mit Piräus als Haupthafen und zunehmend mit den Häfen in Rijeka, Koper, Triest. In allen genannten Häfen hat die ÖBB Rail Cargo ganz starke Positionen bezogen. In Triest sind wir Marktführer, in Koper und Rijeka Nummer zwei, in Piräus Nummer drei.

Italien bemüht sich sehr stark um einen Anschluss an die Seidenstraße. Zuletzt wurde der chinesische Staatschef Xi Jinping in Rom empfangen. Die Tageszeitung "La Stampa" schrieb: "Xi wurde hoch zu Pferd eskortiert, das habe man seit dem Besuch der Königin Elizabeth 1961 nicht mehr erlebt." Österreich unterzeichnet zwar unzählige Memoranden, wäre es nicht wirkungsvoller, Xi in Wien auch zu Pferd zu eskortieren?

(lacht) Ich glaube, man sollte auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Wir haben viele gute Eigenschaften, von denen auch ein großes Land wie China profitieren kann. Das gilt auch vice versa. Man kann von den Chinesen und ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit einiges lernen.

Stimmt es, dass entweder Budapest oder Wien an die Seidenstraße angebunden werden?

Es könnten beide, Wien und Budapest, einen Anschluss bekommen. Das wäre in unserem Interesse, weil die ÖBB auch den ungarischen Güterverkehr betreibt.

Von Wien nach China sollen direkt Waren transportiert werden. Wie sieht es mit dem Personenverkehr aus?

Sie können heute schon in Wien in den Zug einsteigen und nach Shanghai fahren. Über Warschau, Moskau und Peking. Die Reise dauert ungefähr zwei Wochen.

Auch nach Triest gibt es derzeit nur Güterverkehr. Soll sich daran etwas ändern?

Wir arbeiten hart daran, einen Railjet nach Triest zu fahren. Die Trassen für das nächste Jahr sind vergeben. Es könnte übernächstes Jahr so weit sein.

Gibt es schon einen Termin für die Einführung eines Nachtzuges von Wien nach Brüssel bzw. nach Amsterdam?

Wir planen ab Jänner 2020 einen Nightjet nach Brüssel und arbeiten mit Hochdruck daran. Eine Nachtzugverbindung nach Amsterdam soll ein Jahr darauf folgen.

Sie haben als einer der wenigen Führungspersonen in der Republik die türkis-blaue Bundesregierung überlebt. Obwohl Sie SPÖ-Mitglied sind, blieben Sie auf Ihrem Posten. Wie haben Sie das angestellt?

Ich versuche, meinen Job bestmöglich zu machen. Ich arbeite hier seit über 30 Jahren. Die ÖBB ist ein wirklich cooles Unternehmen, für das ich mein Herzblut gebe.

Was wünschen Sie sich von der neuen Regierung?

Die neue Bundesregierung sollte Initiativen gegen den Facharbeitermangel starten. Wir werden in den nächsten Jahren 10.000 neue Mitarbeiter brauchen, auch in neuen Berufen, die wir so noch nicht hatten. Darunter Digitalisierungsbereiche, Data Scientists, Data Analytics, in der Elektronik, im Kundendienst. Auf dem österreichischen Arbeitsmarkt stehen aber nicht so viele Arbeitskräfte zu Verfügung, wie wir benötigen würden. Wie ich vorher erwähnte, ist mir auch das Gleichziehen der Wettbewerbsbedingungen zwischen den Verkehrsträgern ein Anliegen. Weiters die Expansion des öffentlichen Verkehrs, ein einheitliches österreichisches Ticket. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, muss Österreich im Verkehr sieben Millionen Tonnen CO2 einsparen, sonst drohen uns Strafzölle. Es wäre besser, dieses Geld in Bahninfrastruktur zu investieren.