Der Riss in der Wand ist erst der Anfang. Wie ein Geschwür breitet er sich aus, bis der Verputz zu bröckeln beginnt. Nach einiger Zeit bildet sich auch Schimmel an der Decke, weil das Dach undicht ist. Regenwasser sickert durch und fördert die Feuchtigkeit in der Dämmschicht hinter der Wand. Dabei wurde die Wohnung gerade frisch saniert, die Rechnung voll bezahlt.

Die Firma anzurufen, um die Schäden zu beheben, ist jedoch genauso zwecklos, wie die Baumängel einzuklagen. Denn die Firma befindet sich in Konkurs. Ein Beispiel, das für hunderte Fälle im Großraum Wien steht. Hunderte Fälle, die Misstrauen bei den Kunden schürten.

Immer mehr gehen nun auf Nummer sicher und lassen von Anwälten Verträge aufsetzen, die auf Punkt und Beistrich jeden Schritt der Handwerker im Vorhinein festlegen. Für die Verlegung von Stromkabeln, für die Sanierung ihrer Wohnung, für den Bau des Einfamilienhauses. Mit dicken Konvoluten treiben die Kunden jedoch den Angstschweiß bei jenen auf die Stirn, die noch für gute Qualität stehen: den Familienbetrieben. Was Kunden ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, führt die Betriebe immer häufiger in den Ruin.

"Es gibt so viele Glasereien, wie noch nie. Die meisten sind aber schlecht ausgebildet", sagt Glaser Thinius. - © Florian Wieser
"Es gibt so viele Glasereien, wie noch nie. Die meisten sind aber schlecht ausgebildet", sagt Glaser Thinius. - © Florian Wieser

"Die Handschlagqualität ist verloren gegangen", sagt Stefan Schmid. "Das Vertrauen ist weg. Ich werde als Gegner, nicht mehr als Partner gesehen." Schmid arbeitet sein Leben lang als Elektrotechniker. Er hat viele Höhen und Tiefen der Branche miterlebt. Aber kein Vergleich zu heute, der Vertrauensverlust der Kunden geht an die Substanz. "Jeder schottet sich hinter Bemerkungen, Vertragspunkten und Klauseln ab", sagt Schmid. "Das bedeutet erheblich mehr Zeitaufwand, den mir aber niemand zahlt, den ich mir nicht leisten kann."

"Mein Großvater hat Wien
nach dem Krieg beleuchtet"

Schmid leitet gemeinsam mit seinem Bruder den Wiener Betrieb "Schmid Elektroanlagen GmbH" in dritter Generation. Er baut Alarmanlagen ein, wartet Gegensprechanlagen, ist zuständig für öffentliche Straßenbeleuchtung. Den Betrieb übernahm er vor 37 Jahren von seinem Vater, der den Betrieb zuvor von seinem Vater übernahm, der den Betrieb vor 71 Jahren gründete.

"Mein Großvater hat mich noch eingeschult", erzählt er stolz. Der Großvater, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Licht ins dunkle Wien zurückbrachte. "Wir haben die Stadt beleuchtet", sagt Schmid, obwohl er zu jung ist, um das "wir" auf sich beziehen zu können. "Wir" steht für den Betrieb, der die Familie ernährt hat, der ihn prägte, dem er alles zu verdanken hat.