Es ist ein ungewöhnlicher Auftakt für eine Lohnrunde. Die Gewerkschaft verlangt für Pflegerinnen, Betreuer und Sozialarbeiter formal keine Gehaltserhöhung und damit mehr Geld. Die einzige Forderung lautet heuer: Verkürzung der Arbeitszeit von 38 Stunden auf 35 Stunden pro Woche.

Es geht bei den heute, Freitag, beginnenden Kollektivertragsverhandlungen um rund 125.000 Beschäftigte von Pflegekräften über Therapeuten in gut 400 Organisationen in der Sozialwirtschaft. Darunter fallen neben Hilfsorganisationen wie Volkshilfe und Hilfswerk auch Bedienstete der Pensionistenheime der Stadt Wien. Der Abschluss ist zugleich Richtschnur für Beschäftigte bei Caritas oder Rotem Kreuz.

Bei einer 35-Stunden-Woche verlangen die Chefverhandlerinnen der Dienstleistungsgewewerkschaft (vida) und jene der Privatangestellten (GPA-DJP), Michaela Guglberger und Eva Scherz, vollen Lohnausgleich und vollem Personalausgleich. Damit würde sich automatisch der Stundenlohn erhöhen, wovon die zahlreichen - großteils weiblichen - Teilzeitkräfte in den Sozialberufen profitieren. Diese bekämen bei Einführung einer 35-Stunden-Woche 8,6 Prozent mehr Lohn.

Arbeitgeber sehen Voraussetzungen nicht

Für Vollzeitbeschäftigte würde die kürzere Arbeitszeit laut Gewerkschaft umgerechnet 18 Tage mehr Freizeit bringen. Für die Gewerkschafterinnen ist eine solche Maßnahme wichtig, um vor allem die Attraktivität des Pflege- und Sozialbereichs zu erhöhen.

Die Arbeitgeber in der Sozialwirtschaft haben zwar Verständnis für die Anliegen der Beschäftigen, sie treten allerdings der Forderung nach einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich massiv entgegen. "Für eine Arbeitszeitverkürzung fehlen in unserer Branche zwei wichtige Voraussetzungen, nämlich der technische Produktivitätsfortschritt und freie Personalkapazitäten. Im Gegenteil: In Teilen der Branche werden Fachkräfte dringend gesucht", teilte Verhandlungsführer Walter Marschitz der "Wiener Zeitung" mit.

Er nimmt damit Bezug darauf, dass im Sozial- und Pflegebereich bereits Personalengpässe bestehen. Die Gewerkschafterinnen vertreten die Ansicht, dass eine höhere Abgeltung für Teilzeitkräfte diese motivieren würde, mehr Stunden zu arbeiten. Vollzeitbeschäftigte möchten wegen der Belastung hingegen kürzer arbeiten. Laut Gewerkschaft kommt beispielsweise eine Heimhilfe mit 25 Stunden auf 1233 Euro brutto, eine Fachsozialbetreuerin in Behindertenarbeit bei 30 Stunden auf 1715 Euro brutto.

70 Prozent Frauen, 70 Prozent in Teilzeit

Derzeit liegt die Teilzeitquote in dieser Branche bei immerhin 70 Prozent. Auch der Frauenanteil insgesamt beträgt im Bereich der privaten Sozial- und Gesundheitsbranche rund 70 Prozent. Mit der Forderung nach einer 35-Stunden-Woche werde dem Wunsch der Beschäftigten gemäß einer Arbeitszeitumfrage entsprochen, heißt es auf Gewerkschaftsseite.

In der Vergangenheit ist die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche bereits gemeinsam mit der Forderung nach Lohnerhöhungen gestellt worden und war schon bisher Konfliktpunkt. Marschitz schlägt als Alternative vor, wie schon bisher Arbeitszeitvereinbarungen abzuschließen, die "betriebliche Erfordernisse mit den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeiterinnen verbinden". Das wolle man erleichtern.

Grundsätzliches Problem ist, dass viele Dienstleistungen der Sozialwirtschaft von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden. Dabei kämpft man seit Jahren mit finanziellen Problemen. Heuer im Winter hat es nach Protesten und Warnstreiks eine Lohnerhöhung um 3,2 Prozent für die Sozialberufe gegeben. Gleichzeitig wurde ein zusätzlicher Urlaubstag nach zwei Jahren Betriebszugehörigkeit vereinbart. Für die jetzige Lohnrunde sind bereits zwei weitere Termine am 5. Dezember und 15. Jänner vorgesehen.