Ein Wirtschaftsforum im Hochsommer. Die Luft im Raum steht. Es ist Mittagszeit. Nach vier Podiumsdiskussionen sind die Zuhörer erschöpft, in Gedanken längst bei Hühnchen und Penne, die ihnen später serviert werden. Doch noch haben sie es nicht geschafft, eine Diskussionsrunde gibt es noch. Auftritt Andreas Treichl: Mit federndem Gang betritt der Banker die Bühne. Als der Moderator ihn vorstellt, lächelt er gütig. Treichl weiß um seinen Status. Bestbezahlter Banker Österreichs, Mitglied der Opernball-High-Society, bekannt für seine locker sitzenden Sprüche. Das zieht. Auch dieses Mal.

In seinen 22 Jahren als Erste-Chef wurde die Bank von einer lokalen Sparkasse in Wien zum größten Finanzdienstleister in Mitteleuropa. - © APAweb/Jaeger
In seinen 22 Jahren als Erste-Chef wurde die Bank von einer lokalen Sparkasse in Wien zum größten Finanzdienstleister in Mitteleuropa. - © APAweb/Jaeger

Gekonnt bezirzt er das müde Publikum. Immer wieder wirft er den Zuhörern spitzbübische Blicke zu, während er gegen Bundespolitiker austeilt, die in der ersten Reihe sitzen. Dann wird er ernsthaft. Staatsmännisch trägt er vor, was sich alles ändern muss: Weniger Regulierung, weniger Steuern, mehr Mut zum Risiko, mehr Bildung. Jeden Satz beendet er mit einem kurzen dumpfen Laut, der das Gesagte bestätigt. Als wolle er sagen: Hab ich nicht recht? Ja, ich hab recht, ich kenne mich aus.

Treichl fühlt sich wohl auf der Bühne, er gefällt sich in seiner Rolle. Einer Rolle, in der er auf dem schmalen Grat zwischen Welterklärer und Besserwisser tänzelt. Kein einziger Zuschauer wird bis zur Mittagspause den Raum verlassen und auch später, bei Hühnchen und Penne, wird Treichl im Mittelpunkt stehen. "Man sollte ihn immer vor der Mittagspause buchen", scherzt der schwedische Bankenkollege Marcus Wallenberg über die Entertainer-Qualitäten von Treichl. Auch an den anderen Stehtischen ist Treichl das Gesprächsthema Nummer eins.

Im Rampenlicht zu stehen, sich zu inszenieren, stets für Gesprächsthemen zu sorgen, darin verstand sich Andreas Treichl 22 Jahre lang als Generaldirektor der Ersten Bank. Er gehörte in dieser Zeit zu den schillerndsten Persönlichkeiten der österreichischen Wirtschaft, einer Persönlichkeit, die fortwährend polarisierte. In zwei Wochen wird er sein Amt zurücklegen und an seinen Nachfolger Bernhard Spalt übergeben. Ein Blick hinter die Kulissen des Andreas Treichl.

Mit ÖVP-Politikern Andreas Khol, Leopold Maderthaner und Wilhelm Molterer. - © HOPI
Mit ÖVP-Politikern Andreas Khol, Leopold Maderthaner und Wilhelm Molterer. - © HOPI

Als begnadeten Motivator, der die Energien von Mitarbeitern zu bündeln und zu leiten versteht, beschreibt ihn sein Vater, Heinrich Treichl, in seiner Autobiografie. Schon in seiner Jugend sei sein Sohn ein Anführer gewesen, im Schottengymnasium - wo er 1970 maturierte -, im Chor und bei den Ministranten in der Kirche. Auch die Auseinandersetzung scheute er von klein auf nicht. Nach einem Streit mit seiner Kinderfrau Tetta sagte er beim abendlichen Tischgebet im Alter von 4 Jahren: "... und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, die Tetta ist blöd, Amen."