In Deutschland ist die Idee vom Verantwortungseigentum, bei dem die Unabhängigkeit und Wertorientierung in der DNA - dem Eigentum - eines Unternehmens verankert wird, bereits in aller Munde. Maßgeblich an der Diskussion beteiligt sind die Bremer Zwillingsbrüder Achim und Adrian Hensen: 2015 haben die Wirtschaftspsychologen mit Armin Steuernagel und Alexander Kühl die Purpose Stiftung mit Sitz in der Schweiz gegründet.

"Wir arbeiten für eine Wirtschaft, die dem Menschen und der Gesellschaft dient", erklärt Achim Hensen. "Eigentum ist da ein Riesenhebel. Vor allem ist wichtig, dass das Steuerrad des Unternehmens unverkäuflich ist, also die Menschen, die in den Unternehmen aktiv sind, die Stimmrechte und die Kontrolle haben."

Da beides nur treuhänderisch auf Zeit gehalten wird, bleibt das Unternehmen unverkäuflich und unvererbbar. Es gehört quasi sich selbst. Ziel ist nicht die Steigerung des Sharehoder Value, sondern Gewinne sind Mittel zum Zweck und tragen zur Unabhängigkeit des Unternehmens bei.

Neu ist die Idee vom Verantwortungseigentum nicht. Schon vor 130 Jahren hatte sich Ernst Abbe, Eigentümer des Optikunternehmens Carl Zeiss, den Kopf darüber zerbrochen, wie er einen Verkauf sowie eine Weitergabe an Erben verhindern und sicherstellen könnte, das Gewinne ins Unternehmen investiert oder gespendet werden.

Vor seinem Tod überführte er sämtliche Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung. Das Modell hat sich bewährt: "Es gibt in Deutschland bereits über 200 Unternehmen in Verantwortungseigentum, die 1,2 Millionen Menschen beschäftigen und einen Umsatz von 270 Milliarden Euro erzielen", so Adrian Hensen. Auch die Robert Bosch GmbH, der Spielzeugfabrikant Playmobil und Dr. Hauschka Naturkosmetik sind dem Zeiss‘schen Vorbild gefolgt.

In Dänemark sind sich selbst gehörende Firmen weit verbreitet und stellen 60 Prozent des an der Copenhagen Stock Exchange (CSE) notierten Aktien dar. Während es die Rechtslage dänischen Unternehmen leicht macht, ins Verantwortungseigentum überzugehen, brauchen deutsche Entrepreneurs jedoch Durchhaltevermögen: 22 Jahre dauerte es etwa bei Bosch, bis die Stiftungslösung unter Dach und Fach war.

Große Unternehmen können sich das Warten (und die Steuerberater, Anwälte, Notare) leisten, für Klein- und Mittelbetriebe oder Start-Ups braucht es einfache Lösungen. "Die bieten wir unter anderem mit unserem Veto-Share Modell", bekräftigt Adrian Hensen. Unternehmer können der Purpose Stiftung oder anderen als Kontrollinstanz ein Prozent der Stimmanteile ihrer Firma abtreten und so ein glaubhaftes, bindendes Versprechen an Kunden, Mitarbeiter, Investoren sowie Partner abgeben.

"Die Purpose Stiftung hält dann ein Vetorecht auf die relevanten Satzungsaspekte von Verantwortungseigentum, falls wir doch auf die blöde Idee kommen sollten, Einhorn zu verkaufen, oder Gewinne aus der Firma ziehen wollen in unserer Midlife-Crisis", sagt Waldemar Zeiler, Gründer und "Chief Executive Unicorn" des Kondom- und Periodenprodukte-Start-Ups Einhorn. Wie zuvor 50 andere Unternehmen setzt er auf die Unterstützung der Experten, um das Unternehmen in ein sich selbst Gehörendes umzuwandeln.