Nachfolgesorgen müssen sich Gerhard und Sigrid Zoubek keine machen. "Unsere vier Kinder, aber auch ein Teil der Schwiegerkinder, sie alle wollen in den Adamah-Betrieben mitarbeiten und Verantwortung übernehmen", erzählt der 63-Jährige, der 1997 mit seiner Frau den Hof der Schwiegereltern in Glinzendorf nahe Wien "mit viel Vision, Mut und Kraft" - und ebenso vielen Unkenrufen zum Trotz - auf biologische Landwirtschaft umgestellt hat.

Die Beharrlichkeit machte sich bezahlt: Mit 140 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, 130 Mitarbeitern, die 30.000 Kunden im Umkreis von 100 Kilometern mit biologischen Lebensmitteln versorgen, und einem Umsatz von zehn Millionen Euro "stehen die Adamah-Betriebe auf einem guten Fundament", so Zoubek. Damit dieses durch die geplante Übergabe an die Nachfolger nicht erschüttert wird, arbeitet die Familie seit drei Jahren mit einem externen Coach zusammen.

"In letzter Zeit hat sich ergeben, welche Fähigkeiten, Ziele und Talente unsere Kinder sowie Schwiegerkinder stärken und weiterentwickeln wollen. Die operativen Tätigkeiten sind verteilt", sagt der Unternehmer. Damit gibt er sich aber nicht zufrieden: "Jetzt geht es ans Überlegen, wie die Werte, das Kapital vernünftig übergeben oder geparkt werden können." Schließlich steht für den achtfachen Opa "enkeltaugliches Wirtschaften" im Vordergrund: Gewinne seien kein Selbstzweck, sondern "Saat für die Zukunft". Sie werden investiert, um den Sinn des Unternehmens voranzutreiben und - wie der hebräische Name Adamah verspricht - "Ackerboden" und "lebendige Erde" für die nächsten Generationen zu hinterlassen.

Für Gerhard Zoubek vom Biohof Adamah sind Gewinne kein Selbstzweck, sondern "Saat für die Zukunft". - © Adamah Biohof/Manfred Klimek
Für Gerhard Zoubek vom Biohof Adamah sind Gewinne kein Selbstzweck, sondern "Saat für die Zukunft". - © Adamah Biohof/Manfred Klimek

Um diese Grundidee zusammenzuhalten, suchen die Zoubeks nach geeigneten Strukturen. Der Grundbesitz könne etwa in einer Gesellschaft deponiert werden, an der die vier Kinder gleichmäßig Anteile besitzen und diese an den biologischen Produktionsbereich verpachten. Dass der Verkauf von Teilstücken des Ackerbodens nur mit Zustimmung aller Gesellschafter erlaubt sei, solle vor aktuellen Grundstücksspekulationen im Marchfeld schützen.

Unabhängigkeit und Wertorientierung in der DNA

Auch das Einbinden einer externen Gesellschaft in Form einer Stiftung kann sich der Niederösterreicher vorstellen. "Künftig könnten auch Mitarbeiter oder Kunden in Prozesse und die Besitzverhältnisse eingebunden werden. Hauptsache, deren Werte stimmen. "Es geht nicht um Mein oder Dein. Eigentum in dem Sinn, dass nur ich darüber verfügen kann, das ist gegen jede Grundidee dieser Erde", steht für den Landwirt fest, "man kann ein Unternehmen auch verantwortungsvoll betreiben, statt es zu besitzen."

In Deutschland ist die Idee vom Verantwortungseigentum, bei dem die Unabhängigkeit und Wertorientierung in der DNA - dem Eigentum - eines Unternehmens verankert wird, bereits in aller Munde. Maßgeblich an der Diskussion beteiligt sind die Bremer Zwillingsbrüder Achim und Adrian Hensen: 2015 haben die Wirtschaftspsychologen mit Armin Steuernagel und Alexander Kühl die Purpose Stiftung mit Sitz in der Schweiz gegründet.

"Wir arbeiten für eine Wirtschaft, die dem Menschen und der Gesellschaft dient", erklärt Achim Hensen. "Eigentum ist da ein Riesenhebel. Vor allem ist wichtig, dass das Steuerrad des Unternehmens unverkäuflich ist, also die Menschen, die in den Unternehmen aktiv sind, die Stimmrechte und die Kontrolle haben."

Da beides nur treuhänderisch auf Zeit gehalten wird, bleibt das Unternehmen unverkäuflich und unvererbbar. Es gehört quasi sich selbst. Ziel ist nicht die Steigerung des Sharehoder Value, sondern Gewinne sind Mittel zum Zweck und tragen zur Unabhängigkeit des Unternehmens bei.

Neu ist die Idee vom Verantwortungseigentum nicht. Schon vor 130 Jahren hatte sich Ernst Abbe, Eigentümer des Optikunternehmens Carl Zeiss, den Kopf darüber zerbrochen, wie er einen Verkauf sowie eine Weitergabe an Erben verhindern und sicherstellen könnte, das Gewinne ins Unternehmen investiert oder gespendet werden.

Vor seinem Tod überführte er sämtliche Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung. Das Modell hat sich bewährt: "Es gibt in Deutschland bereits über 200 Unternehmen in Verantwortungseigentum, die 1,2 Millionen Menschen beschäftigen und einen Umsatz von 270 Milliarden Euro erzielen", so Adrian Hensen. Auch die Robert Bosch GmbH, der Spielzeugfabrikant Playmobil und Dr. Hauschka Naturkosmetik sind dem Zeiss‘schen Vorbild gefolgt.

In Dänemark sind sich selbst gehörende Firmen weit verbreitet und stellen 60 Prozent des an der Copenhagen Stock Exchange (CSE) notierten Aktien dar. Während es die Rechtslage dänischen Unternehmen leicht macht, ins Verantwortungseigentum überzugehen, brauchen deutsche Entrepreneurs jedoch Durchhaltevermögen: 22 Jahre dauerte es etwa bei Bosch, bis die Stiftungslösung unter Dach und Fach war.

Große Unternehmen können sich das Warten (und die Steuerberater, Anwälte, Notare) leisten, für Klein- und Mittelbetriebe oder Start-Ups braucht es einfache Lösungen. "Die bieten wir unter anderem mit unserem Veto-Share Modell", bekräftigt Adrian Hensen. Unternehmer können der Purpose Stiftung oder anderen als Kontrollinstanz ein Prozent der Stimmanteile ihrer Firma abtreten und so ein glaubhaftes, bindendes Versprechen an Kunden, Mitarbeiter, Investoren sowie Partner abgeben.

"Die Purpose Stiftung hält dann ein Vetorecht auf die relevanten Satzungsaspekte von Verantwortungseigentum, falls wir doch auf die blöde Idee kommen sollten, Einhorn zu verkaufen, oder Gewinne aus der Firma ziehen wollen in unserer Midlife-Crisis", sagt Waldemar Zeiler, Gründer und "Chief Executive Unicorn" des Kondom- und Periodenprodukte-Start-Ups Einhorn. Wie zuvor 50 andere Unternehmen setzt er auf die Unterstützung der Experten, um das Unternehmen in ein sich selbst Gehörendes umzuwandeln.

Mithilfe von Geldgebern wie der niederländischen Lottogesellschaft und dem Fondsmanager Albert Wenger von Union Square Ventures haben die Gebrüder Hensen auch zwei Beteiligungsgesellschaften gegründet, um selbst als Investor aufzutreten und zu zeigen, dass sich Interessen von Geldgebern und Unternehmen verbinden lassen. "Wir sind dann erfolgreich, wenn Unternehmen viel allein machen können", betont Adrian Hensen, keine Abhängigkeit schaffen zu wollen, "mit allem, was wir tun, möchten wir unsere Arbeit überflüssig machen."

Stiftung Verantwortungseigentum

Dass das kein Lippenbekenntnis ist, zeigt der jüngste Clou: Ende November hat die Purpose Stiftung mit 30 Unternehmen die Stiftung Verantwortungseigentum e.V. ins Leben gerufen. Einhorn befindet sich genauso unter den Gründungsmitgliedern wie Alnatura oder die BMW Foundation. Ziel ist, die sich selbst gehörenden Unternehmen zu vernetzen und als deren Stimme einen Ruf unüberhörbar zu machen: Es braucht eine offizielle Rechtsform für Unternehmen, die sich selbst gehören. "Wir müssen schauen, was die Politik dafür an Informationen benötigt und welche Hürden es gibt. Das ist der nächste Schritt, an dem wir aktiv arbeiten", so Adrian Hensen: "Der Bedarf ist da."