Manche Ideen erscheinen derart abstrus, dass sie eigentlich nur den Gedanken eines Schelms entsprungen sein können. Drehkreuze bei den Zugängen zu einem öffentlichen Platz? Soll das ein Scherz sein? Beim Markusplatz in Venedig ist das Realität geworden, und es ist überhaupt nicht lustig gemeint. Ein anderes Beispiel: Das pittoreske Corenno Plinio am Comer See wird ab März Eintritt von Touristen verlangen, die den Ort besuchen wollen. Und in Wien wurde ja erst kürzlich, wenn auch in diesem Fall nicht ganz ernst, über eine Wiener-Quote in Cafés diskutiert, vor denen Touristen derzeit Schlange stehen.

Die Ursache ist da wie dort eine Entwicklung, die den Begriff des "Overtourism" schuf - und der nun auch Eingang ins Regierungsprogramm fand. Gleich an mehreren Stellen wird im Tourismuskapitel auf ihn verwiesen. So ist davon zu lesen, dass "massentouristischen Phänomenen entgegengewirkt" werden soll und man "Wachstum nicht mehr ausschließlich an Nächtigungszahlen" messen will. Die Auswirkungen des Tourismus auf Landwirtschaft und Bevölkerung sollen künftig stärker in Betracht gezogen werden.

In früheren Regierungsprogrammen las sich das noch anders. 2013 nahmen sich SPÖ und ÖVP vor, die Zahl der Nächtigungen von 131 auf 140 Millionen pro Jahr zu steigern. Das wurde übertroffen. Vor zwei Jahren machten sich ÖVP und FPÖ dann Sorgen, dass Österreich Marktanteile im Tourismus verliert. Neue Märkte sollten erobert werden, die Umsatzsteuer für Übernachtungen wurde von 13 auf 10 Prozent herabgesetzt.

In der vergangenen Legislaturperiode wurde dann aber auch ein Masterplan für den Tourismus durch das Ministerium von Elisabeth Köstinger erarbeitet: der "Plan T". In diesem ist der Paradigmenwechsel festgeschrieben. Wörtlich heißt es. "Wir müssen umdenken und das Verhältnis zwischen Gästen und Einheimischen neu denken." Und weiter: "Es wird daher in Zukunft erforderlich sein, wichtige touristische Entscheidungen unter stärkerer Einbindung der Bevölkerung zu treffen und darauf zu achten, dass möglichst alle Menschen in einer Destination vom Tourismus profitieren." Dieser Satz findet sich nun auch fast identisch im Regierungsprogramm von Türkis-Grün.

Das ist dann doch schnell gegangen. Das Mehrmehrmehr, das bei den Tourismusstrategien Feder führte, ist binnen weniger Jahre, scheint es, obsolet geworden. Auch Wien hat seine Strategie angepasst. "Wir bekennen uns weiter zu Wachstum, aber nicht um jeden Preis", sagt Bürgermeister Michael Ludwig. Ein rein quantitatives Nächtigungsziel gibt es in Wien im Vergleich zu früher nicht mehr.