Fünf Jahre lang war Walter Ruck Präsident der Wirtschaftskammer in Wien. Bei den Wahlen in zwei Wochen tritt er - als Chef der Liste ÖVP Wirtschaftsbund - für eine weitere Amtszeit an.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" kritisiert er die ungleichen Bedingungen für heimische Betriebe im Vergleich zu internationalen Konzernen. Zudem sei die österreichische Gesetzgebung im Bereich Digitalisierung hinten nach. Er fordert die Einführung eines digitalen Betriebssitzes. Weiters fordert er auch ein Umdenken gegenüber Asylwerbern in Österreich. Die hierzulande oft vorgebrachte Argumentation "Österreich zuerst" sei widersinnig. Enttäuscht zeigt sich Ruck, dass der Anschluss der Seidenstraße an Österreich an Bedeutung im Regierungsprogramm verloren hat.

"Wiener Zeitung": Herr Ruck, Sie sind in Ihrem Brotberuf Baumeister, Ihre Firma baut und saniert Gebäude seit 43 Jahren. Wann haben Sie zuletzt einen Auftrag per Handschlag abgemacht?

Walter Ruck: Ende letzten Jahres. Natürlich haben wir es danach auch verschriftlicht. Aber ich lege sehr viel Wert darauf, mit Partnern zusammenzuarbeiten, mit denen ich mich sowohl geschäftlich als auch persönlich verstehe. Dann ist es natürlich einfacher mit dem Handschlag. Es sind keine unzähligen E-Mails notwendig, wo es bis ums letzte Detail geht.

Viele Familienbetriebe machen andere Erfahrungen. Sie klagen über hohes Misstrauen der Kunden. Ein Auftrag bringt mittlerweile dicke Vertragskonvolute mit sich, für die kostspielige Notare engagiert werden müssen. Woran liegt das?

Mein Vater, von dem ich den Betrieb übernommen habe, würde bestätigen, dass die Quote der Handschlaggeschäfte heute deutlich niedriger ist als früher. Das hängt mit der gestiegenen Komplexität zusammen. Bei Montagestellen gibt es mittlerweile mehr Gewerke, damit ist der Abstimmungsbedarf ein viel höherer. Der Konsument ist auch mündiger geworden, er hat mehr Möglichkeiten, sich zu informieren.

Familienbetriebe stehen immer häufiger in Konkurrenz mit Betrieben, die einen Billigpreis nennen und nicht kalkulieren, ob sich das rechnet. Diese sind dann zwar schnell im Konkurs, der Auftrag ist aber auch weg. Wie kann das verhindert werden?

Wir liegen da im Zwiespalt zwischen möglichst freiem Unternehmertum und einer Qualitätssicherung. Wenn es zu wenig Regulierung gibt, dann leidet die Qualität. Gibt es zu viel Regulierung, dann wird das Hineinwachsen von neuen Unternehmen in den Markt verhindert.

Um einen Gewerbeschein von der Wirtschaftskammer zu bekommen, braucht man keine Ausbildung. Sollten die Kriterien nicht strenger sein?

Das muss man branchenspezifisch sehen. Bei Heizungs- und Gasinstallation etwa wären mir strengere Regeln, wo man seine Befähigung mittels Prüfung nachweisen muss, schon recht. Generell sollten die Rahmenbedingungen aber für jeden gleich sein.

Sind Sie es nicht?

Wenn ich mich kurz hinter der österreichischen Grenze ansiedele, mit dem Ziel, im Burgenland zu arbeiten, dann darf ich das laut Entsenderichtlinien für maximal ein halbes Jahr. Danach muss ich meinen Betriebssitz nach Österreich verlegen. Und jetzt frage ich Sie, warum die gleichen Maßstäbe nicht bei Amazon angelegt werden? Warum muss der ungarische Fliesenleger seinen Sitz nach Österreich verlegen, Amazon aber nicht?

Was schlagen Sie vor?

Amazon sollte eine Betriebsstätte in Österreich haben. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit.

Welche wäre das?

Das habe ich Finanzminister Gernot Blümel zuletzt in einem Gespräch vorgeschlagen. Wenn sich die Geschäftsabläufe digitalisieren, dann muss die Legistik nachziehen. Ich habe ihm gesagt, dass wir mit den Gesetzen im vorigen Jahrtausend stehen. Die österreichische Legistik geht immer noch davon aus, dass wir rein analoge Geschäftsmodelle haben. Es ist aber an der Zeit, ein österreichisches Gesetz für digitale Firmensitze zu schaffen, damit auch Amazon, Facebook & Co hierzulande Steuern zahlen. Das würde so wie die IP-Adresse funktionieren, über die jemand ganz eindeutig identifiziert werden kann.