Das Leben von Frauen mit Behinderungen ist geprägt von Mehrfachdiskriminierungen. Anlässlich des Frauentags hat ein Kompetenzteam des Österreichischen Behindertenrates deswegen konkrete Forderungen für eine bessere Zukunft verfasst. Das Bündnis tritt für tiefgreifende Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen mit Behinderungen ein und fordert ein sichtbares, sicheres und selbstbestimmtes Leben.

"Wir haben gesehen, dass Empowerment tatsächlich funktioniert - und jetzt sind wir hier, um das einzufordern", sagte Gabriele Sprengseis, Geschäftsführerin des Österreichischen Behindertenrats, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Unterstützt wurde sie von fünf betroffenen Frauen, die Teil des 2018 gegründeten Kompetenzteams Frauen mit Behinderungen sind.

Die Frauen fordern unter anderem Sichtbarkeit für ihre Expertise, für ihre Lebensrealitäten und für ihre erfahrenen Diskriminierungen. "Die gläserne Decke ist für Frauen mit Behinderungen noch nicht einmal am Horizont sichtbar", kritisierte Christine Steger, Vorsitzende des Unabhängigen Monitoringausschusses. "Wenn es um volle Teilhabe geht, gibt es noch ganz viel Aufholbedarf", sagte sie.

Frauen mit Behinderung erleben öfter Gewalt

Eine weitere Forderung des Kompetenzteams ist ein Leben ohne Gewalt - denn Frauen mit Behinderungen erleben viel öfter Gewalt als Männer mit Behinderungen und als Frauen ohne Behinderungen. Die Erfahrungen beinhalten nicht nur physische, sondern auch psychische, sexuelle oder strukturelle Gewalt. Isabell Naronnig von der Peer-Beratungsstelle Zeitlupe berichtete, dass Frauen mit Behinderungen oft in Wohn- oder Arbeitsstrukturen Opfer von Gewalt werden. Präventiv müsse es also möglich sein, selbst zu entscheiden, "wie, wo und mit wem will ich leben?".

Weiters kritisierte die Expertin das völlige Fehlen sexueller Aufklärung von Frauen mit Behinderungen, was zu massiven Einschränkungen bei der Auslebung von Sexualität führe. "Das hat mit wirklicher Selbstbestimmung nichts zu tun", sagte Naronnig und forderte für Frauen "echte Wahlmöglichkeit" in allen Lebensbereichen.

Um Frauen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, brauche es unter anderem fairen Zugang zu persönlicher Assistenz. Dieser hänge in Österreich zu sehr von der Postleitzahl und von der Form der Behinderung ab, kritisierten die Rednerinnen. Jasna Puskaric, Geschäftsführende Vorständin der WAG - Assistenzgenossenschaft, sprach von elf verschiedenen Regelungen und forderte eine Vereinheitlichung der Bestimmungen.

Nächte im Rollstuhl

Puskaric berichtete vom Leben betroffener Personen. Wegen fehlender persönlicher Assistenz würden sich diese ständig in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden und deswegen eigene Bedürfnisse zurückstecken. "Das ist nur der logische Weg", sagte sie und erzählte von Menschen, die nicht ausreichend trinken, nur um seltener auf die Toilette zu müssen, oder sogar Nächte im Rollstuhl verbringen. Erst wenn solche Probleme beseitigt werden, könnten Menschen mit Behinderungen an ein normales Leben denken. "Erst dann kann ich anfangen zu träumen", sagte Puskaric eindrücklich.

Eine weitere Forderung umfasst den chancengerechten Zugang zu fair entlohnten und guten Jobs. "Frauen mit Behinderungen sind auch am Arbeitsmarkt unsichtbar", kritisierte Julia Moser, DisAbility-Management-Expertin bei myAbility und Obfrau des Forums für Usher Syndrom und Taubblindheit. Sie hätte gerne "inklusive Bildung von Anfang an", weil sich Frauen oft in einer "Bildungssackgasse" wiederfinden oder nur schlecht bezahlte Jobs finden würden. Daher brauche es "punktgenaue Fördermaßnahmen, die ankommen, wo sie gebraucht werden", so Moser.

Andockstelle für Betroffene

Stabile Strukturen für Empowerment und Interessenvertretung sind für die Frauen ebenfalls ein wichtiger Stützpfeiler, um Andockstellen für Betroffene anbieten und Projekte umsetzen zu können. Außerdem sei der Unterschied zwischen Stadt und Land oft ein Problem. Darauf wies Beate Koch, Frauenreferentin des ÖZIV Steiermark, hin. Deswegen sei eine regionale Umsetzung der Forderungen wichtig, betonte sie. Fälle von Gewalt werden am Land oft totgeschwiegen, wegen der weiten Wege bleiben Frauen oft gleich daheim statt zu arbeiten. "Selbstbestimmung gibt's dann überhaupt nicht mehr", sagte sie.

Die persönliche Assistenz werde am Land oft von den Familien übernommen und so drohe "die Gefahr der lebenslangen Bevormundung", äußerte die Frauenreferentin eine weitere Schwierigkeit und nannte ihr konkretes Ziel für die Zukunft: "Wir wollen, dass alle in Inklusion leben - und das ist kein Wunsch, sondern eine Forderung." (apa)