"Wiener Zeitung": Frauen wollen ja gar nicht führen, heißt es häufig. Stimmt das?

Katja Schuh: Das kann ich aus meiner Erfahrung als Coach klar verneinen, aber auch aus unserer Umfrage geht hervor, dass 70 Prozent der Frauen führen wollen. Und der Wert ist über alle Altersgruppen hinweg stabil. In der Altersgruppe 36 bis 45 Jahre führen auch viele Frauen bereits (47 Prozent versus 73 Prozent, die führen wollen), aber da ist eben auch so etwas wie Abteilungsleitung inkludiert, also jegliche Führungsposition.

Warum sind dann nicht 70 Prozent der Führungskräfte in Österreich weiblich?

Das liegt an vielen Faktoren. Aber uns ging es nicht so sehr darum, zu schauen, warum ist das so und wer hat Schuld, sondern wie machen wir das in Zukunft besser. Die übliche Diskussion blickt in die Vergangenheit und ist defizitorientiert, gibt Frauen eine Opferrolle. Da gibt es politische Faktoren, wie viele Kinderbetreuungsplätze haben wir, wird eine Frauenquote diskutiert, welche Maßnahmen werden generell getroffen, um gesetzliche Richtlinien bereitzustellen, die Diskriminierung verhindern. Das wäre die strukturelle Ebene. Dann gibt es die kulturelle Ebene, wo es um Werteorientierung hinsichtlich männlicher Werte in der Gesellschaft geht - das ist aktuell einfach noch die Norm. Und dann die persönliche Ebene: Trau ich mir das zu, habe ich die Fähigkeiten, zu führen, fühle ich mich gewappnet und habe ich die Rahmenbedingungen eine leitende Position zu bekleiden.

Was braucht es also, damit Frauen, die führen wollen, auch führen werden?

Eine Frage war: "Was würde dir helfen, dein Karriereziel zu erreichen?" Sehr viele Frauen sagen, Coaching und Mentoring, aber auch Weiterbildung. Begleitung ist aktuell großes Thema. Es gibt mittlerweile viele Mentoringprogramme für Frauen, die großen Zuspruch finden. Das ist aber auch ein wichtiger Punkt für Unternehmen: Frauen möchten sich gerne austauschen und im Prozess, mehr Verantwortung zu übernehmen, begleitet werden. Männer sind schon extrem lange in Führungspositionen, es gibt Vorbilder, zu denen er aufblicken kann. Weibliche Vorbilder sind wenig sichtbar.

Hinken Österreichs Unternehmen hinterher, wenn es um Förderung geht?

Generell Begleitprogramme wie Coachings sind im anglo-amerikanischen Raum schon lange viel verbreiteter, als sie das bei uns sind. Trotzdem ist etwa Deutschland der drittgrößte Coachingmarkt. Aber hierzulande sind einige Unternehmen, wie etwa die Erste Bank oder die Wiener Städtische Paradebeispiele in Sachen Frauenförderung. Aus einem einfachen Grund: Sie selbst sind an einer Schmerzgrenze angelangt. Da geht es um den "War of Talents". Die Unternehmen brauchen Fachkräfte, gerade im MINT-Bereich, und da reicht der männliche Pool nicht mehr aus. Langsam merken sie, es bringt ihnen selbst etwas, wenn sie auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen. Es bringt ganz konkret einen Wettbewerbsvorteil in Sachen Innovation, durch Diversität in den Managementteams und die unterschiedlicheren Perspektiven, und einen langfristigen Unternehmenserfolg.

Ist Diskriminierung am Arbeitsplatz noch Thema?

Diskriminierung ist ein Megathema. Ich war selbst sehr schockiert, dass 90 Prozent der befragten Frauen angegeben haben, dass sie in irgendeiner Form am Arbeitsplatz Diskriminierung erfahren haben. Und darüber hinaus wurden im Durchschnitt drei verschiedene Bereiche angegeben. Das reicht von Respektlosigkeit über "gläserne Decke" bis zu Diskriminierung für Karenzzeit.

Da würden viele Unternehmen sagen: Das gibt es bei uns doch nicht . . .

Das Interessante ist, Diskriminierung versteckt sich so sehr in unserer gelernten Haltung. Wir alle haben einen "unconcious bias", wie man im Englischen sagt, das sind Voreingenommenheiten in uns, die wir ganz bewusst ansteuern müssen, sonst entdecken wir sie nicht. Für Unternehmen gibt es da Möglichkeiten, Recruitingprozesse "gender-bias-free" aufzubauen. Klassisches Beispiel: Orchester waren immer zu 100 Prozent männlich und weiß besetzt. Dann hat man Vorspiele hinter dem Vorhang durchgeführt. Binnen kürzester Zeit waren Orchester divers und 50:50 aufgeteilt. Das zeigt, wie stark Prozesse auf eine Gleichstellung wirken können.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung eine typisch österreichische Eigenheit?

Dass Familie und Familienplanung und alles, was da dazugehört, emotional wie kognitiv, ist in Österreich zu wenig Thema. Da gibt es Vorbilder in Skandinavien, wie etwa Schweden, wo die Regierung sagt, wir verpflichten einfach beide Geschlechter, in Karenz zu gehen. Es muss auch ein Wert der tagtäglich unbezahlten Arbeit beigemessen werden und wie man das wertvoller organisieren kann. Da hat Österreich meiner Meinung nach großen Bedarf, die Aufmerksamkeit dahin zu richten.

Was motiviert Frauen trotzdem, eine Führungsrolle einzunehmen?

In unserer Befragung geben die Frauen als Hauptgrund die Realisierung ihrer Träume an. Das unterstreicht meine eigene Motivation, warum ich Frauen in Führungspositionen bringen möchte. Weil ich sie unbedingt in Entscheidungspositionen möchte, um in einer anderen Welt zu leben, wo andere Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen, die auch die Bedürfnisse von Frauen berücksichtigen - und das geht nur, wenn man selbst an den Hebeln sitzt. Und ich finde es cool, dass viele Frauen sagen, ja, ich will meine eigenen Träume verwirklichen, und für sehr viele Frauen bedeutet das, Einfluss nehmen zu können und sinnstiftend zu arbeiten. Das ist genau das, was die Welt braucht: sinnstiftendes Unternehmertum. Und da geht es ganz viel um Werte vor Geld. Das spiegelt sich auch in den Umfrageergebnissen wider, dass Geld bei den Motivatoren erst am vorletzten Platz steht.

Männer schauen mehr auf’s Geld?

Viele Männer kommen schnell auf das Thema, wie sie mehr Umsatz, mehr Gewinn machen können. Frauen denken eher wertebasiert - zum großen Teil stellen sie auch die Social Entrepreneurs. Wichtig ist die Botschaft, dass Geld nicht nur dazu da ist, deinen Wert zu bestimmen, sondern Geld ermöglicht auch Freiraum und Gestaltungsspielraum. Es ist moralisch nicht schlecht, gut bezahlt zu werden. Geld an sich ist weder gut noch böse, es ist ein Instrument.

Coaching, Mentoring, Weiterbildung braucht es. Muss Frau noch mehr an sich arbeiten?

Nein, aber neben strukturellen und kulturellen Faktoren gibt es eben auch persönliche, die bei Frauen selbst bisher nicht den großen Fokus gehabt haben. Ein Vergleich zum Thema Hochzeit: Wenn man sich vorstellt, wie viel Planung in ein einziges Event im Leben gesteckt wird von weiblicher Seite, dann wünsche ich mir diese Detailplanung für die Karriere. Es geht darum, den eigenen Einflussbereich auszuschöpfen.