Bei den Firmenpleiten in Österreich zeichnet sich aufgrund der Virus-Krise eine schlimme Entwicklung im weiteren Jahresverlauf ab. Vorerst unklar ist jedoch das Ausmaß, Insolvenzexperten sind in ihren Prognosen derzeit noch vorsichtig.

"Es wird mehr Pleiten geben. Aber dass es zu einem Insolvenz-Tsunami kommen wird, traue ich mich noch nicht sagen", erklärt der Geschäftsführer des Gläubigerschutzverbandes Creditreform, Gerhard Weinhofer. Mit Sicherheit werde es zu Liquiditätsproblemen kommen, weil zurzeit ja nichts verkauft werde - "null Umsatz". Vor diesem Hintergrund seien die Hilfen der Regierung "prinzipiell gut und richtig", sagt Weinhofer weiter. "Die Frage ist aber, ob die Hilfen rechtzeitig bei den Firmen ankommen." Das Geld müsse jedenfalls rasch fließen.

Und da hat Weinhofer vor allem mit Blick auf kleine und mittlere Unternehmen seine Zweifel - zumal diese mit der Bürokratie bei der Beantragung der Nothilfen überfordert sein könnten, weil sie nicht über die nötige Infrastruktur (Rechtsabteilung, Anwalt etc.) verfügen. "Wenn die Hilfen nicht rechtzeitig ankommen, wird es eine Pleitewelle geben", betont er.

Entwicklung wie
im Krisenjahr 2009?

"Ich rechne da schon mit einer Welle. Da wird etwas auf uns zukommen", sagt auch Hans-Georg Kantner vom Gläubigerschutzverband KSV 1870. "Wenn der Ausnahmezustand, die Schockstarre, noch vier Wochen dauert, werden wohl etliche Firmen zur Erkenntnis gelangen, dass sie das nicht abfedern können", sagt der Insolvenzexperte. Diese Firmen hätten dann die Option, in Insolvenz zu gehen und ihre Schulden "in eine Quoten-Vereinbarung zu gießen". Österreich habe jedenfalls ein gutes Insolvenzrecht, das es ermögliche, nach einem erfolgreichen Sanierungsverfahren neu durchzustarten. "Ab Mai/Juni könnte das (vermehrte Insolvenzanträge, Anm.) kommen", glaubt Kantner. "Und das wird uns dann das ganze Jahr sehr beschäftigen."

Besonders pleitegefährdet sieht Kantner Firmen aus den Branchen Tourismus, Gastronomie und Einzelhandel. Sein Kollege Weinhofer nennt daneben noch das verarbeitende Gewerbe und das Handwerk, aber auch die Industrie (wegen der Probleme bei den Lieferketten) als gefährdete Branchen.

Ob sich nun die Zahl der Pleitefälle wie 2009 entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Im Jahr der weltweiten Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers gingen in Österreich jedenfalls insgesamt 7076 Unternehmen pleite, der Anstieg lag bei 9 Prozent und in absoluten Zahlen bei 576. Österreich kam damals mit einem blauen Auge davon - auch, weil die Banken damals sehr rasch reagierten, indem sie die Betriebe mit liquiden Mitteln versorgten, wie Kantner erklärt. In vielen anderen Ländern nahmen die Unternehmenspleiten 2009 um 20 bis 30 Prozent zu.

Im vergangenen Jahr verzeichnete Österreich laut einer Statistik der Creditreform insgesamt 5235 Firmenpleiten (plus 0,2 Prozent), wobei sich die Gesamtpassiva auf mehr als 1,7 Milliarden Euro beliefen und von den Insolvenzen rund 14.000 Arbeitsplätze betroffen waren.

Anleiheschulden bei Firmen
weltweit auf Rekordhöhe

Indes wird die Virus-Krise auch rund um den Erdball deutliche Spuren an der Insolvenzfront hinterlassen. Beunruhigend dabei ist, dass die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Mitte Februar - noch vor dem Corona-Ausbruch in Europa - wegen weltweit rekordhoher Anleiheschulden der Unternehmen die Alarmglocken geläutet hat. Ende 2019 erreichten diese global ein noch nie da gewesenes Niveau von rund 13,5 Billionen Dollar (12.386 Milliarden Euro), das ist mehr als doppelt so hoch wie Ende 2008 während der Finanzkrise. Allein im vergangenen Jahr brachten Firmen außerhalb der Finanzwirtschaft nicht zuletzt aufgrund des anhaltenden Zinstiefs neue Schuldenpapiere im Volumen von 2,1 Billionen Dollar am Markt unter, was dem bisherigen Rekordniveau von 2016 entspricht.

Wie die OECD vor wenigen Wochen weiter mitgeteilt hat, bereite es ihr Sorgen, dass die Kreditqualität der Firmenanleihen im Vergleich zu früheren Zeiten gesunken sei. 2019 hätten 51 Prozent aller ausgegebenen Bonds mit dem Gütesiegel Investmentgrade nur die Note "BBB" besessen. Das ist die niedrigste Qualitätsstufe vor dem Ramsch-Status. Im Zeitraum 2000 bis 2007 vor der Finanzkrise sei dieser Anteil lediglich bei 39 Prozent gelegen.

Wenn nun die Wirtschaft in eine Rezession stürzt, wovon Fachleute wegen Corona fix ausgehen, wird es bei vielen Schuldentiteln vermehrt zu Herabstufungen in den Ramsch-Bereich kommen. Betroffene Unternehmen müssten dann höhere Finanzierungskosten stemmen, was sie bei schlechter Geschäftslage im schlimmsten Fall überfordern könnte. Eine Insolvenz wäre dann die Folge und damit der Ausfall der Anleihe.

Auf Bonds heimischer Firmen, die generell gut geratet sind, entfiel zuletzt ein Gesamtvolumen von rund 30 Milliarden Euro.