Seit wenigen Jahren können sie von ihrem Start-up Grape ganz gut leben. Zu ihren Kunden gehören die Wiener Stadtwerke, die Austria Presseagentur oder der Glückspielkonzern Novomatic. Doch nun stehen die beiden Wiener Jungunternehmer Felix Häusler und Stefan Kröner vor dem Durchbruch. Die Corona-Krise hat ihr Start-up in eine Liga mit Microsoft, Google und Cisco katapultiert. Vor sieben Jahren gegründet, warben sie jahrelang erfolglos für ihre Homeoffice-Software. Mit Kollegen über den Bildschirm zu arbeiten, das klang für potenzielle Kunden und Geldgeber utopisch und sinnlos. Doch die Welt ist in den vergangenen Tagen eine andere geworden. Und Grape zu einem der gefragtesten Unternehmen.

Häusler fuhr gerade mit dem Taxi zu einem Kunden, als er die ersten Menschen mit Mundschutz auf der Straße sah. Das war vor zweieinhalb Wochen. Zurück im Büro erzählt er von seinen Beobachtungen, schickt alle Mitarbeiter ins Homeoffice. Er ahnt, was auf uns zukommen wird. "Datascience-Spezialisten haben mir Zahlen gezeigt. Wir haben erkannt, dass Österreich nur zwei Wochen hinter dem vom Virus gebeutelten Italien liegt", sagt Häusler.

Seither haben Häusler und Kröner fünf neue Mitarbeiter eingestellt und sich mit weiteren fünfzehn Kollegen auf den Tag X vorbereitet, der nun eintrat. Als die Bundesregierung die Menschen anwies, von daheim zu arbeiten, schlug die große Stunde des Start-ups. Vorbei die Fragen, warum ein Unternehmen für Homeoffice gerüstet sein sollte, vorbei das mühsame Geldsammeln bei Investoren, vorbei die Rolle als Bittsteller. Vor allem im Bildungsbereich. Grape ist in 25.000 europäischen Schulen installiert. Nun wird es von Lehrern und Schülern auch genutzt.

Das System für den Hauptunterricht

"Wir waren auf einmal nicht mehr nur Begleitdienst, sondern das System für den Hauptunterricht", sagt Häusler. Wurde bis vor ein paar Tagen nur kommuniziert, wenn ein Unterrichtsfach ausfiel, wird jetzt der gesamte Unterricht über die Software abgehalten. "Neben der Aktivität ist auch die Anzahl der beteiligten Schulen sprunghaft angestiegen", sagt Häusler. "Derzeit nutzen zwei Millionen Schüler unser Programm." Tendenz steigend.

Grape funktioniert wie Skype oder Teams. Der Unterschied besteht jedoch in der intelligenten Spracherkennung. So trägt das System einen Termin, der in einem Gespräch vereinbart wird, automatisch in den Kalender ein, legt - wenn nötig - eine To-do-Liste an, leitet besprochene Aufgaben an zuständige Kollegen weiter. Zudem können Gespräche im Nachhinein durchsucht werden. Die beiden Jungunternehmer werben mit Datenspeicherung in einer europäischen und nicht in einer US-amerikanischen oder chinesischen Cloud. Die Daten können auch ausschließlich auf einem firmeneigenen Server gespeichert werden.

Homeoffice ist in österreichischen Unternehmen angekommen, nachdem das öffentliche Leben am Montag auf ein Minimum heruntergefahren wurde. Das spürt auch der Mobil- und Internetanbieter Drei Hutchinson. Es habe doppelt so viel Sprachanrufe gegeben wie normalerweise, sagte Drei-Chef Jan Trionow am Dienstag. "Wir hatten 60 bis 70 Prozent höhere Lastspitzen im Netz", sagte er zur Presseagentur apa. Laut Österreichs größtem Mobilfunkanbieter A1 stiegen die Telefonate sogar um 100 Prozent, das Datenvolumen erhöhte sich um 10 Prozent.

Das Mobilfunknetz trägt die erhöhte Nutzung von Datentransfers und Telefonaten. Es gebe nur vereinzelte und lokale Überlastungen in Städten, sagt Trionow. Er fordert, dass die Netze weiter ausgebaut werden. "Wir brauchen Zugang zu Liegenschaften, wir brauchen die Unterstützung von Partnern, um punktuell das Netz erweitern zu können."

"Die Welt wird nach der Krise nicht mehr die gleiche sein"

Grundsätzlich glaubt der Drei-Chef, dass sich unser Kommunikationsverhalten durch die Krise künftig ändern werde. "Die Welt wird nach dieser Krise nicht mehr die gleiche sein, wie davor. Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, welche Dinge man auch über Video- und Telefonkonferenzen machen kann und über Homeoffice, diese Sichtweisen werden sich verschieben", sagt er.

So sieht sie nun also aus, die digitale Zukunft. Präsentationen auf der Couch bearbeiten, selber kochen, Telefonkonferenz im Pyjama. "Im Homeoffice werden die Menschen sehr pragmatisch", sagt Felix Häusler. "In Gesprächen kommen sie schneller auf den Punkt und es ist für sie nicht mehr so wichtig, was sie anhaben."

Irgendwann wird es auch wieder ein Leben nach der Corona-Krise geben. Welchen Stellenwert wird Homeoffice dann haben? "Menschen sollen prinzipiell ihre Arbeit von überall verrichten können. Jeder soll immer sagen können: Ich mach jetzt Homeoffice", sagt Häusler.

Dann räuspert er sich und fügt hinzu: "Homeoffice funktioniert aber nur, weil es Menschen gibt, die in Supermärkten Essen in die Regale schlichten, Strom- und Internetleitungen regelmäßig instand halten und die Öffis von A nach B fahren." Regalschlichter, Busfahrer, Techniker, die Homeoffice weiterhin nur vom Hörensagen kennen, die erhöhter Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind, schultern derzeit die Last der Krise.

"Am Ende der Krise müssen wir uns als Gesellschaft definitiv überlegen, ob es fair ist, dass diese Menschen in der Regel wenig bezahlt bekommen, dass sie am Existenzminimum leben müssen", sagt Häusler.

Damit am Ende die Menschen im Pyjama nicht die alleinigen Gewinner der Krise sind.