Die Herstellung von essenziellen medizinischen Produkten durch wenige hochspezialisierte Produzenten mag zwar wirtschaftlich sinnvoll sein, "aus Sicht des Katastrophenschutzes ist es jedoch wünschenswert, direkt Zugriff auf notwendige Produkte zu haben", sagt Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes. "Allerdings befürchte ich, dass die Halbwertszeit der jetzigen Erfahrungen gering ist und unser System darauf ausgerichtet bleibt, möglichst billig zu produzieren. Das halte ich für problematisch."

Derselben Meinung ist man im Gesundheitsministerium: "Es muss zukünftig in Richtung Eigenproduktion gehen. Das geht auch kurzfristig und macht uns in Zukunft viel krisensicherer, als wenn wir zu 100 Prozent auf den Einkauf aus internationalen Märkten angewiesen sind", heißt es in einem E-Mail der Sprecherin des Ministeriums.

Tatsächlich: Keine Regierung eines Landes käme auf die Idee, die eigene Landwirtschaft still zu legen und stattdessen alle Lebensmittel zu importieren. Genauso wenig würden europäische Rüstungskonzerne die Produktion von Kampfjets nach Fernost verlegen. Aber bei der Produktion von medizinischer Ausrüstung und auch bei Medikamenten ist genau dies geschehen.

Vor allem Masken fehlen

Nun, im Kampf gegen das Corona-Virus, kommt es zu einer beispiellosen Mobilisierung von Industrie und Wirtschaft. Gesichtsschilde, medizinische Handschuhe, Plastik-Kittel und Brillen, Diagnostik-Geräte, Reagenzien, Desinfektionsmittel und Beatmungsgeräte fehlen.

Masken für das Spitalspersonal sind besonders gefragt: À la longue macht es sogar Sinn, für alle Bürgerinnen und Bürger Masken für den Alltag bereitzustellen, da das die Gefahr einer Virusübertragung minimiert. Auch das Tragen von dünnen Handschuhen ist auch in der wärmeren Jahreszeit durchaus empfehlenswert.

Eines der österreichischen Unternehmen, die bei der Maskenproduktion eine Rolle spielen könnte, ist Lenzing. Der Faserhersteller aus Oberösterreich ist in der Lage, Basismaterialien für die Maskenproduktion zu liefern. Filip Miermans, Kommunikationschef bei Lenzing, sagt dazu im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Lenzing arbeitet derzeit mit mehreren Unternehmen zusammen, um nach Lösungen zu suchen. Wir entwickeln Ideen, haben aber dabei keine koordinierende Rolle." Man hört, dass sich auch bereits Initiativen in Salzburg und Vorarlberg bilden, die eine Maskenproduktion in Angriff nehmen könnten.

In Vorarlberg hat sich bereits eine Initiative unter Koordination durch die WISTO (Wirtschafts-Standort GmbH) und die Smart Textiles eine Plattform von Unternehmen gebildet, die Atemschutzmasken herstellen wollen. Laut einem Bericht der wirtschaftspresseagentur.com mit dabei: Der Textilveredler Grabher Group, der Bandhersteller Bandex, Getzner Textil, die Stickerei Hämmerle, das Unternehmen tecnoplast sowie der Strumpfhersteller Wolford. Ölz Meisterbäcker liefere demnach Verschlussclips, zudem sind rund 80 Änderungsschneidereien beteiligt. Bereits vor vier Wochen habe man sich zu der Taskforce zusammengeschlossen, weil sich bereits da der Bedarf abgezeichnet habe, hieß es. Hergestellt werden bis zu 8.000 Mund-Nasen-Masken täglich, die Produktion von Atemschutzmasken der Schutzklasse FFP2 und FFP3 sei in Vorbereitung, hieß es.

Ein weiteres österreichisches Unternehmen, das derzeit unter Hochdruck produziert, ist Sempermed (ein Unternehmen der Semperit-Gruppe), ein Hersteller von medizinischen Handschuhen. Sprecherin Monika Riedel berichtet: "Wir haben sowohl bei den Schutzhandschuhen als auch bei den Operationshandschuhen einen großen Anstieg in den Orderbüchern festgestellt." Produziert wurde bisher nur auf Order, nicht auf Vorrat, daher standen auch keine großen Vorräte zur Verfügung. Derzeit ist das Unternehmen laut Riedel "in intensiven Gesprächen" mit der Regierung und dem Krisenstab, "um zu klären, wie Sempermed den bestmöglichen Beitrag leisten kann".

Produktion hochschrauben

Aber nicht nur in Österreich ist die verzweifelte Suche nach medizinischen Gütern in vollem Gang: Von Seiten der Politik kommen Aufrufe an die Unternehmen, bei der Versorgung mit medizinischen Produkten mitzuhelfen. Ganz so, als würde die Wirtschaft auf eine Art Kriegswirtschaft - im Krieg gegen Sars-CoV2 - umgestellt. Die Unternehmen bauen ihre Produktion bereits um: Der Autobauer Fiat Chrysler will in großem Stil Atemschutzmasken herstellen. Volkswagen und BMW wollen wiederum Bauteile für Beatmungsgeräte mithilfe von 3D-Druckern herstellen, wie die deutsche Wirtschaftstageszeitung "Handelsblatt" berichtet.

Der Hamburger Konsumgüterkonzern Beiersdorf - Inhaber der bekannten Marke Nivea - kündigte bereits vergangene Woche an, mit der Produktion von medizinischen Desinfektionsmitteln innerhalb seines europäischen Produktionsnetzwerks zu beginnen. Auch die Kosmetik- und Parfümsparte des französischen Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) wird ihre Produktion umstellen und große Mengen an Desinfektionsmittel herstellen, die den Gesundheitsbehörden kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollen. Und in Italien will der Luxuskonzern Prada nun in einer Fabrik nahe Perugia 80.000 Arztmänteln und 110.000 Atemschutzmasken für die Sanitäter der Region Toskana herstellen.

Auch der schwedische Textilkonzern H&M hat bereits angekündigt, seine Lieferketten-Kapazitäten in den Dienst der Herstellung von Produkten für den Gesundheitssektor zu stellen. Laut einem E-Mail der H&M-Presseabteilung an die "Wiener Zeitung" hat H&M-CEO Helena Helmersson bei EU-Vertretern den Bedarf erhoben und Unterstützung bei der Produktion von Schutzkleidung für den Medizinbereich zugesagt.

Auch die britische Regierung hat die Unternehmen des Landes (vor allem Ford, Honda, den Triebwerkshersteller Rolls-Royce und den Staubsaugerhersteller Dyson) gebeten, ihre Produktion rasch umzustellen. "So etwas hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben", wird Justin Benson vom Konsultingunternehmen KMPG zitiert.