Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf einen historischen Höchststand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat um 52,5 Prozent mehr Personen ohne Job. Arbeitslose und Schulungsteilnehmer zusammengerechnet waren 562.522 (+193.543) ohne Beschäftigung.

Die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition stieg um 4,7 Prozentpunkte auf 12,2 Prozent. Seit 16. März sind zur Virus-Eindämmung hierzulande Ausgangsbeschränkungen in Kraft, viele Dienstleistungsbetriebe mussten schließen. "Der extreme Anstieg der Arbeitslosigkeit ist nicht nur eine enorme Herausforderung für die so vielen von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen und deren Familien, sondern stellt auch das AMS und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einen noch nie dagewesene Belastungsprobe", kommentierte AMS-Vorstand Johannes Kopf die aktuellen Zahlen. Mit dem aktuellen Anstieg sind die Arbeitslosenzahlen erstmals seit Anfang 2017 wieder gestiegen.

AMS erwartet weiteren Anstieg

Kopf erwartet in den nächsten Wochen aufgrund der Corona-Krise einen weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen. "Sehr viele Menschen fangen jetzt nicht mit der Arbeit an", sagte AMS-Vorstand Johannes Kopf am Mittwoch im Ö1-Mittagsjournal des ORF-Radios. Der "entscheidender Punkt" sei, wie lange die Maßnahmen zur Viruseindämmung gelten.

"Je schneller die Restriktionen gelockert werden, desto eher werden die Arbeitslosenzahlen sinken", so der AMS-Chef. Etwa in der Landwirtschaft und am Bau hätte es im April neue Jobs gegeben, auch andere verfügbare offene Stellen könnten wegen der Pandemie derzeit nicht besetzt werden. Kopf verteidigte auch die Coronavirus-Kurzarbeitslösung der Regierung. "Das Kurzarbeitsmodell bremst die Arbeitslosigkeit stark."

Mit einem Shutdown-Ende im Mai würde sich die Lage im Sommer normalisieren

Für den Wifo-Ökonomen Helmut Mahringer ist der coronavirusbedingte Arbeitslosenanstieg "eine beispiellose Situation" - "Es könnte aber eine temporäre Ausnahmesituation sein, die nach relativer kurzer Zeit in eine normale Zeit übergeht", sagte Mahringer zur APA. Das Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) geht in Szenariorechnungen mit einem Ende des Shutdown Ende April aus.

Wenn die aktuellen Maßnahmen zur Viruseindämmung bis Ende April in Kraft bleiben, im Mai allmählich aufgehoben werden und sich die Lage im Sommer normalisiert, dürfte die österreichische Wirtschaftleistung 2020 laut Wifo um 2,5 Prozent sinken und die Arbeitslosenrate um einen Prozentpunkt auf 8,4 Prozent steigen. Wenn dieses Szenario eintreffe, würden die coronavirusbedingten Arbeitslosenzahlen wieder deutlich sinken, erwartet Wifo-Arbeitsmarktökonom Mahringer. Wann das Arbeitslosenplus von 193.000 Personen wieder komplett abgebaut werden könne, sei aktuell aber "schwer abschätzbar", so der Ökonom. Für ältere Personen sei es jedenfalls schwieriger wieder einen Job zu finden.

Gewerkschaft, SPÖ und FPÖ fordern eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes

Während AMS-Chef Kopf und Wifo-Ökonom Mahringer Entscheidungen zur Höhe der AMS-Bezüge als "politische Frage" sehen, konkretisierte ÖGB-Chef Wolfgang Katzian seine am Sonntag gestellte Forderung nach einer Erhöhung des Arbeitslosengelds angesichts der aktuellen Arbeitslosenzahlen. "Es wäre daher jetzt ein guter Zeitpunkt, um das Arbeitslosengeld auf 70 Prozent Nettoersatzrate zu erhöhen", so der ÖGB-Präsident. Aktuell liegt die Nettoersatzrate bei 55 Prozent.

"Das Arbeitslosengeld muss erhöht werden", schrieb auch die SPÖ-Chefin Pamela Rendi am Mittwochnachmittag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die SPÖ werde "dazu im Parlament einen Antrag einbringen".  Auch Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) sprach sich für eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes, außerdem eine Verlängerung der Bezugsdauer aus.

Die FPÖ drängt derweil auch auf eine Lockerung der Maßnahmen. Es spreche auch nichts dagegen, zum Beispiel Baumärkte oder kleinere Geschäfte mit geringer Kundenfrequenz wieder zu öffnen, wenn ohnehin jeder eine Maske tragen müsse. Wenn man nichts unternehme, breche die Wirtschaft zusammen mit bis zu einer Million Arbeitslosen, so FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl.

Massiver Arbeitslosenanstieg im Tourismus und am Bau

Am stärksten ist die Zahl der Arbeitslosen und AMS-Schulungsteilnehmer im Bereich Beherbergung und Gastronomie (+145,1 Prozent, +60.784 Personen), am Bau (+94,8 Prozent, +28.191 Personen) und im Verkehr und Lagerwesen (+83,8 Prozent +13.728 Personen) nach oben gegangen.

Die Anzahl der Menschen ohne Job im Handel stieg per Ende März im Vergleich zum Vorjahresmonat um 34,4 Prozent, bei der Herstellung von Waren (+34,2 Prozent), Arbeitskräfteüberlassung (+34,0 Prozent) und im Gesundheits- und Sozialwesen (+22,5 Prozent).

Der Shutdown zur Viruseindämmung ließ in Österreich auch die Zahl der gemeldeten sofort verfügbaren Stellen um 20,5 Prozent auf 60.722 einbrechen.

Westen stärker getroffen von Arbeitslosigkeit

Der Corona-Krise trifft die Arbeitsmärkte in den Bundesländer deutlich unterschiedlich. Die Zahl der Arbeitslosen und AMS-Schulungsteilnehmer stieg in Tirol per Ende März im Vergleich zum Vorjahresmonat um 174 Prozent auf 45.147. In Salzburg gab es ein Plus von 112 Prozent auf 31.077, in der Steiermark wurde ein Anstieg von knapp 72 Prozent auf 71.011 verzeichnet.

In den anderen Bundesländern wurde ein geringerer Anstieg der Arbeitslosigkeit registriert: In Vorarlberg lag das Plus bei 59 Prozent, in Kärnten (+58 Prozent), Oberösterreich (+53 Prozent), Burgenland (+47 Prozent), Niederösterreich (+41 Prozent) und Wien (+31 Prozent), teilte das AMS am Mittwoch mit.

Nach Ausbildung gegliedert nahm die Arbeitslosigkeit (inklusive Schulungen) am stärksten bei Personen mit Lehrausbildung (+68 Prozent) zu, bei mittlerer Ausbildung (+50 Prozent, Pflichtschulausbildung (+46 Prozent), höherer Ausbildung (+44 Prozent) und akademischer Ausbildung (+25 Prozent). Einen kräftige Anstieg der Arbeitslosigkeit gab es sowohl bei Inländern (+48 Prozent) als auch bei Ausländern (+ 61 Prozent). Bei Jugendlichen unter 25 Jahren stieg die Zahl um 43 Prozent, im Haupterwerbsalter (25 bis 49 Jahre) um 59 Prozent, bei Älteren ab 50 Jahren um rund 46 Prozent.

Österreichweit sank die Zahl der unselbstständig Beschäftigten im März nach vorläufigen Berechnungen um 150.000 auf 3,626 Millionen Personen. (apa)