Das Modell Kurzarbeit hat in der Corona-Krise weiterhin enormen Zulauf. In Österreich wurden bis dato Anträge für 608.607 Arbeitnehmer gestellt. Das sind um gut 200.000 mehr als vor einer Woche. Die Bundesregierung baut daher die finanzielle Unterstützung für Kurzarbeit ein weiteres Mal aus - von drei auf fünf Milliarden Euro.

Eine aktuelle Studie der Universität Wien zeigt, dass Kurzarbeit und Kündigungen Personen in schwierigerer sozioökonomischer Lage deutlich stärker betreffen als solche mit höherem Einkommen und höherem formalem Bildungsabschluss. Jeder siebte Arbeitnehmer mit Pflichtschulabschluss war im vergangenen Monat von einer Kündigung betroffen, während Arbeitnehmer mit höherer Ausbildung davon meist verschont blieben. Arbeitnehmer in der niedrigsten Ausbildungsstufe (Pflichtschule) wurden mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit geschickt wie jene der höchsten Ausbildungsstufe (Universität). Und während mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Matura oder Universitätsabschluss im Homeoffice arbeiten, ist das nicht einmal für einen von sieben Arbeitnehmern mit Pflichtschulabschluss der Fall.

Die Zahlen im Detail: Während 39 Prozent der unselbständig Erwerbstätigen mit Pflichtschulabschluss aktuell in Kurzarbeit sind, sind es bei jenen mit Lehrabschluss 25,6 Prozent, bei jenen mit Matura 22,2 und bei Uni-Absolventen gar nur 17,9 Prozent. Ähnlich verläuft die Kurve bei Kündigungen seit Ausbruch der Corona-Krise: 14,4 Prozent der Personen mit Pflichtschulabschluss wurden gekündigt, aber nur 3,5 Prozent jener mit Lehrabschluss. Mit Matura waren es 0,9, unter Akademikern 0,8 Prozent.

"Die Corona-Krise verstärkt bereits bestehende sozioökonomische Ungleichheiten", sagt Christine Zulehner, Professorin für Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik, der "Wiener Zeitung". Zulehner ist Teil des Forschungsteams des "Austrian Corona Panel Project" der Universität Wien, das die Studie mit 1500 Befragten via Online-Fragebögen durchführte. Anders gesagt: Jene, die schon vor Covid-19 prekärer, weil in weniger sicheren Jobs und mit deutlich niedrigeren Einkommen lebten, verlieren in der Krise überproportional.

Genau umgekehrt wie bei Kündigungen und Kurzarbeit verhält es sich mit der Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Homeoffice: Je höher der Bildungsabschluss, desto eher wird von zu Hause aus gearbeitet. Mit abgeschlossener Pflichtschule sind aktuell 13,9 Prozent im Homeoffice, mit Lehre 26,1 Prozent, mit Matura bereits 50,7 und mit abgeschlossenem Studium 63,4 Prozent.

Schulschließungen verstärken Problemlage

"Es gibt eine sehr starke Korrelation zwischen Bildungsabschluss und Einkommen", sagt Zulehner. Auch dieser Zusammenhang lässt sich aus der Studie klar herauslesen: Rund 33 Prozent der Personen mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1350 Euro sind derzeit in Kurzarbeit, bei 1350 bis 1950 Euro sind es knapp 28 Prozent, bei einem Einkommen von 1950 bis 2700 Euro nur noch knapp 18 und bei mehr als 2700 Euro 17,5 Prozent.

Umgekehrt sieht es in den vier Einkommenskategorien erneut bei der Zahl der von zu Hause arbeitenden aus: In der niedrigsten Einkommensgruppe sind es rund 21 Prozent, in der nächsthöheren bereits 31, in der zweithöchsten mit gut 50 Prozent schon mehr als die Hälfte und in der höchsten Einkommensklasse von mehr als 2700 Euro monatlich 56 Prozent. "Je höher der Bildungsabschluss, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in einem Büro arbeiten", sagt Zulehner. "Damit ist auch Homeoffice deutlich wahrscheinlicher als bei der Arbeit für Produktionsstätten, die physische Anwesenheit erfordern."

Bei der Verteilung nach Geschlecht, die die Forscher ebenfalls erhoben, zeigen sich dagegen keine größeren Unterschiede: Mit rund 39 Prozent sind derzeit etwas mehr Frauen als Männer (33 Prozent) im Homeoffice, was laut Studienautoren vermutlich hauptsächlich auf die im Schnitt deutlich höhere Ausbildung berufstätiger Frauen zurückzuführen ist. Von Kurzarbeit sind Frauen mit 25,4 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer (24,8) Bei Kündigungen verhält es sich dagegen umgekehrt: Während im Zuge der Corona-Krise bisher 4,6 Prozent der Männer ihren Job verloren, waren es nur 2,7 Prozent der Frauen.

Auch Zahlen zu Verbreitung von Homeoffice und Kurzarbeit nach Branchen erhob die Studie: Den höchsten Homeoffice-Anteil wies mit 75 Prozent der Sektor Information und Kommunikation auf, gefolgt von Finanz- und Versicherungswesen (71 Prozent), Erziehung und Unterricht (53) und Wissenschaft und freie Berufe (47). Die höchsten Kurzarbeitsanteile gibt es im Baugewerbe (47,8 Prozent), gefolgt von Handel, Instandhaltung und Reparatur (47,7), Produktion und Verarbeitung (29,9) und wirtschaftlichen Dienstleistungen (28,1).

In wie weit auch weiterhin vor allem einkommensschwache und bildungsferne Gruppen von Kurzarbeit und Kündigungen betroffen sind, werden die Forscher in späteren Umfragewellen erneut überprüfen. Den bisher klar negativen Zusammenhang zwischen Bildung beziehungsweise Einkommen und Homeoffice stufen die Studienautoren jedenfalls als "bedenklich" ein - insbesondere in Anbetracht der fortdauernden Schulschließungen. Der Zusammenhang lege nahe, dass "bereits bestehende sozioökonomische Unterschiede in der Bildung durch Ausfall des Schulunterrichts verstärkt werden könnten".