Es war "guat." - "Nein, das ist zu wenig: Wir haben uns sehr gefreut - und zwar für beide Seiten", erzählt Christian Grotte beim Lokalaugenschein in kleinen, wieder eröffneten Geschäften in der Wiener Taborstraße über das Begrüßen des ersten Kunden in der Papiergrotte, einem Schreibwarengeschäft, das Grottes Mutter vor rund 40 Jahren eröffnet hat und seine Schwester heute leitet.

"Wir hätten ja mit Gummibändern gerechnet, aber gekauft wurden vor allem Druckerpatronen und ganz viel Papier", erzählt Mitarbeiterin Kim Gössinger. Das, was in vier Wochen Homeoffice eben ausgegangen war, weniger Bestandteile für Do-it-yourself-Masken. Sie und Grotte lächeln hinter ihren. "Selbst genäht", sagen beide stolz und fast unisono - und lachen gelöst. Die Stimmung ist gut hier, auch mit dem Lieferanten der neuen Palette Druckerpapier scherzt Grotte.

Kim Gössinger und Christian Grotte verkauften am ersten Tag vor allem Druckerpatronen und Papier. - © Martina Madner
Kim Gössinger und Christian Grotte verkauften am ersten Tag vor allem Druckerpatronen und Papier. - © Martina Madner

Die neue Normalität

Man war diszipliniert, was Bundeskanzler Sebastian Kurz an diesem Tag anerkennend bei der Regierungspressekonferenz vermerkte. Die Chefin, Martina Grotte, sei unabkömmlich, arbeite Bestellungen von Lehrern und Schulen ab. "Das hat Priorität", sagt Christian Grotte ernsthaft.

Schließlich sind die Umsätze trotz Onlineshop auf ein Drittel geschrumpft, die drei Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit, "vielleicht ab Mai schon nicht mehr", hofft er auf einen weiteren "Schritt zur Normalität", den der Kanzler ankündigte. "Es ist eine neue Form der Normalität", sagte Kurz auch, mit "so viel Freiheit wie möglich und so vielen Einschränkungen wie notwendig." - "Wenn die Regierung uns nicht wieder ein neues Handicap auferlegt", sagt der Schreibwarenhändler allerdings.

Bei Uhrmacher Rene Bargello ist die neue Normalität eine hinter einer Plexiglasscheibe, "erst gestern montiert". Vom glasfreien Bereich der Budel halten Plattenspieler in Kartons die höchstens zwei Kunden, die er auf seinen 40 Quadratmetern begrüßen darf, ab.

Bei Uhrmacher Rene Bargello ist die neue Normalität eine hinter einer Plexiglasscheibe. - © Martina Madner
Bei Uhrmacher Rene Bargello ist die neue Normalität eine hinter einer Plexiglasscheibe. - © Martina Madner

Die Plattenspieler verkauft er zwar auch, die ersten Kunden an diesem Tag waren aber zum Uhren-Batteriewechsel da. Es kamen zudem welche, die Schmuck an-, jemand auch verkaufen wollte. "Die Preise sind hoch", sagt Bargello. "Wir geben gute Rabatte", fügt er geschäftstüchtig hinzu.

Zweifel und Hoffnung

In der Vitrine, die eine seiner Mitarbeiterinnen gerade poliert, warten Rolex-Uhren auf Kunden, wie das Schild verrät, den Preis aber nicht. Bargello hatte 100 Prozent Umsatzverlust, hofft auf Normalität, hat aber schon seine Zweifel: "Ich trau mich ja auch nicht, am ersten Tag gleich wieder einkaufen zu gehen. Aber vielleicht wird es ja noch ein normaler Geschäftstag."

Optiker Helmut Wolf ist da weniger optimistisch, obwohl man hier auf das "einzeln eintreten", wie an der Tür vermerkt, einige Minuten warten muss, weil ein Kunde gerade seine in der Mitte zerbrochene Brille vorbeibringt. Wolf befürchtet, dass es noch länger bei Reparaturen und damit bei fünf Prozent seines sonstigen Umsatzes bleibt. Kunden fürchten sich auch vor zu geringem Abstand bei Sehschärfenmessungen und Kontaktlinsenanpassungen.

Und: "Sonnenbrillen sind Luxusartikel, die kauft man nicht unentspannt mit Mundschutz", sagt er trocken. Ein ebensolcher Lacher entfleucht ihm, als er auf Wirtschaftshilfen angesprochen wird. "Das dauert Monate. Vor drei Jahren habe ich das Geschäft gekauft, jetzt verschulde ich mich wieder neu." Er habe sich ein Schuldenlimit gesetzt, sobald das erreicht ist, müsse er zusperren.

Auch Blandina Baranes, deren Mann das Modegeschäft Beged leitet, sagt: "Es geht ums Überleben." Und zwar in zweifacher Hinsicht: "Wir tragen die Maßnahmen alle gerne mit, damit wir gesund bleiben." Aber auch die wirtschaftliche Situation sei "extrem prekär". Das Ansuchen um Unterstützung und Kredite "bürokratisch, aufwendig und undurchsichtig". Die Hausbank lasse sie auf die Kreditzusage warten, die zweite Phase des Härtefallfonds sei gerade an diesem Tag um eine Woche verschoben worden.

"Es ist wichtig, dass wir für unsere Stammkundinnen wieder sichtbar sind." Viele kämen auch zum Plaudern, "fragen uns, wie es uns geht". Als sie von den fehlenden Umarmungen unter den Mitarbeiterinnen am Morgen erzählt, steigen ihr Tränen in die Augen. Immerhin möchte sich eine Kundin mit Leggings "etwas Gutes tun - und die kleinen Geschäfte unterstützen. "Die haben echt genug Verluste gemacht."

Solidarität leben

Mit freiwilliger Arbeit als Erntehelferin eines Biobetriebs hat sich Floristin Aline Huber die Zeit während der Schließung von BlumenArt vertrieben. "Folientunnel bauen, Melanzani setzen, Jungzwiebeln ernten." Auch ihrem Chef Mensur Kaljosi habe sie vor Ostern ein Gemüsekisterl zugestellt. "Das darfst du nicht erzählen", sagt der. "Doch, war ja kontaktlos", sagt sie. "Man hat immer das Gefühl etwas falsch zu machen, wir sind einfach verunsichert." Huber und Kaljosi richten am Dienstag noch den Laden her, sie öffnen am Donnerstag.

Er sei auch unsicher, wie viele kommen; unsicher, was die Bestellmenge anbelangt. Er erinnert sich noch gut an das Verschenken, vor allem aber das "hirn- und herzlose" Wegschmeißen von Schnittblumen: "Es war so wenig Zeit", sagt er leise. "Nein, da darf man einfach nicht darüber nachdenken, das nicht ans Herz lassen", sagt der sonst immer fröhliche Florist - und verabschiedet sich doch mit breitem Lächeln unter der Maske.

Ein Kunde habe bereits eine Viertelstunde vor dem Aufmachen vor der Tür gewartet, "er wollte der Erste sein", erzählt Andrea Traar, Buchhändlerin bei Tiempo Nuevo. "Ein anderer kam, berührte die Bücher behutsam, fast feierlich, sagte: ‚Ich fühle mich so, als ob ich auf eine Hochzeit gehen wollte‘" - um nach einer halben Stunde mit Miguel Angel Asturias’ "Hombres De Maiz", einem Klassiker aus Lateinamerika, zum Weiterflanieren zu verlassen.

Floristin Aline Huber mit ihrem Chef Mensur Kaljosi. - © Martina Madner
Floristin Aline Huber mit ihrem Chef Mensur Kaljosi. - © Martina Madner

Laila Youssef, sonst ebenfalls "nur" Buchhändlerin und Verlagsmitarbeiterin, war während der Schließung auch Bücherfahrradkurierin im Grätzel. "Das war entzückend, man hat geplaudert, es gab auch Trinkgeld und Schokolade, eine sehr angenehme Erfahrung." Die Leute haben Bücher bestellt, "damit wir nur ja nicht schließen müssen", sagt Traar. Manches aus dem Shutdown solle erhalten bleiben: "Das Wohlwollen, die Achtsamkeit, die Solidarität - ich hoffe, dass das bleibt."